Der verführte Betrachter – Die Trompe-l’œil Malerei in der Gegenwart

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Es ist als würden diese Künstler einen Zauber über unsere Augen legen und uns mit ihrer Malerei verführen, ihren Bildern mehr zu glauben als unseren Sinnen. Denn wir sind verführt, anfassen zu wollen, was wir täuschend echt vor uns auf der Leinwand dargestellt sehen. Die Zauberer, die dies vermögen, bedienen sich dabei des Trompe-l’oeil – der Kunst der Augentäuscherei. Versammelt sind sechs Meister ihres Fachs in der Ausstellung „Der verführte Betrachter – Die Trompe-l’oeil Malerei in der Gegenwart“ in der Galerie Grandel im Wasserschloss Bad Rappenau: Jürgen Dressel, Wolfgang Harms, Michael Lassel, Jo Niklaus, Hans Niklaus und Joachim Lehrer. Ein Trompe-l’œil ist ein illusionistisches Gemälde, in dem mittels geschickter perspektivischer Darstellung eine genaue dreidimensionale Abbildung von Gegenständen täuschend echt dargestellt wird, so dass der Betrachter den Eindruck erhält, das Original und nicht die Darstellung vor sich zu haben. Die Schau im Wasserschloss zeigt, wie spannend und vielfältig dieses künstlerische Sujet ist. Dabei verzaubert jeder Künstler den Betrachter auf seine ganz eigene Weise. So zeigt Michael Lassels Werk „Der Turm zu Babel“, dass die Gegenstände auf seinen Bildern vieldeutige Zusammenhänge vorstellen: Der Turmbau zu Babel, dargestellt mit Schuhen, die mal weniger mal mehr Abnutzung zeigen, jedoch alle gut genug sind, um von Menschen getragen zu werden. Sie sind hier nicht aufgetürmt, weil sie Ihren Nutzen verloren haben . . . Schon der Turmbau zu Babel selbst ist Sinnbild für den Aufstieg und Fall einer Tyrannei, ist Metapher für Unfreiheit, Unterdrückung, Terror und Größenwahn. In Verbindung mit diesen Schuhen ist der Turm Verweis auf die aktuellen menschlichen Entwurzelungen, auf Verschleppungen und Menschrechtsverletzungen – Themen für die Michael Lassel durch sein Herkunftsland Rumänien eine besondere Sensibilisierung besitzt. Doch das Bild vermittelt Hoffnung: denn die Anordnung zeigt die Umrisse eines Baumes – ein Baum, der auf Entdeckungen und Erfindungen wurzelt. Wenn wir aus unseren Fehlern lernen, steht uns die Welt offen . . . Lassel ist einer der weltweit anerkanntesten Meister der Malerei der Augentäuschung, gleichzeitig ist er ein Meister der Vergegenwärtigung der Wunden und Wunder unserer Gegenwart. Lassels Turm zu Babel war in diesem Jahr in der Ausstellung „Babylon – Myth and Reality“ des British Museum London zu sehen. Im Jahr 2003 titelte die Zeitschrift Weltkunst: „Michael Lassel, der wohl bedeutendste Trompe-l’œil-Maler unserer Zeit“.
Die Vergegenwärtigung der Schönheit der Natur ist eines der Themen von Hans Niklaus. Exponate aus der eigenen Sammlung dienen dem Künstler immer wieder aufs Neue als Vorbild für seine Bildmotive. Woher kommt die Faszination für die Schalentiere? Einen Grund können wir unmittelbar selbst für uns entdecken: mit Vergnügen lassen wir uns auf die Formenvielfalt und Farbigkeit ein. Doch hinter vielen Muscheln verbirgt sich ein unergründbares Geheimnis der Natur: Viele dieser Tiere sind zeit ihres Lebens eingegraben in den Meeresgrund – für nichts und niemanden sichtbar. Warum hat dann die Natur diesen Tieren eine so ausgewählte Schönheit zugedacht?
In den weiten Landschaften Joachim Lehrers, voll warmer einladender Farbigkeit, können wir unseren Träumen, Hoffnungen und Wünschen nachspüren. Seine Kunstwelt ist erfüllt von einem lebendigen Licht, das die zurückhaltende Farbigkeit auf ganz individuelle Weise zu modellieren weiß. In seinen Arbeiten verführt uns der Künstler zur Entschleunigung und vermittelt uns eine erholsame Ruhe.
Die Arbeiten von Wolfgang Harms entführen uns in eine märchenhafte Welt. Vorallem die Aneinanderreihung von Punkten erzeugt in seinen Bildern eine unserer Welt entrückte Materialität und unterstreicht die märchenhaft-surrealen Inhalte seiner Werke.
Kaum zu übersehen ist, wie sich Jo Niklaus für die Trompe-l’œil Malerei ausbildete: durch das Kopieren alter Meister. Insbesondere durch Ihre Briefstillleben fühlen wir uns an Maler des Barocks erinnert, wie beispielsweise Cornelis Gijsbrechts. Seit zwei Jahrzehnten widmet sich die Künstlerin Albrecht-Dürer-Motiven, die sie in eigene Bildzusammenhänge mit vielfältigen intellektuellen Anspielungen bringt. Dargestellt sind Kalenderblätter, Briefmarken und Drucke, die Dürermotive zeigen – sie malt die Reproduktion der Reproduktion und lässt sich damit die Freiheit, das kulturelle Erbe in neue Zusammenhänge zu setzen, mit besonderer Anerkennung und Achtung vor dessen Individualität und kunsthistorischer Bedeutung.
Jürgen Dressel erzählt uns mit den seinen Bildgegenständen romanhafte Geschichten. Wir finden Rüstungen, alte Bücher und Landkarten, Segelschiffe sowie die Skulpturen bedeutender Erfinder und Entdecker. Dressel baut sie vor uns auf und legt sie uns zu Füssen – die Gegenstände aus denen die spannendsten Erzählungen entstehen. Wir müssen einfach nur beginnen, in uns hinein hören und sie zu erfinden . . .
Wenn wir uns die langen Schaffensperioden der einzelnen Werke von über 12 Monaten vorstellen, dann spüren wir vor allem eines: diese Künstler entdecken für uns die Langsamkeit zurück und darin liegt der eigentliche Zauber, der in dieser Ausstellung über uns gebreitet wird.

„Der verführte Betrachter – Die Trompe-l’œil Malerei in der Gegenwart“ ist ein Projekt der Galerie Grandel und Stadt Bad Rappenau und ist noch bis zum 31.01.2010 zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs 18 bis 22 Uhr sowie freitags bis sonntags von 14 bis 20 Uhr.

Beitrag von am 10. Dezember 2009. Abgelegt unter Museen. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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