Bibel der Anti-LOHAS erschienen

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Grün ist schick geworden. Bis zu 40% aller deutschen Konsumenten werden heute von Marktforschern einem Lebensstil-Milieu zugerechnet, das sie mit dem Etikett LOHAS bezeichnen. Diese Abkürzung steht für den „Lifestyle of health and sustainability“. Gemeint ist damit die Einstellung einer wachsenden Zahl von Verbrauchern, die glauben, mit dem Kauf von Bio-Lebensmitteln die Welt verbessern zu können. Kathrin Hartmann hat diese Konsumenten beobachtet, um die heute ein regelrechter Kult veranstaltet wird. Webcommunities, LOHAS-Magazine und die Reputationmanager der Industrie basteln an diesem Kult, der im Grunde darauf hinausläuft, politisches Denken durch Konsumidiotie zu ersetzen. Zu diesem Schluss kommt die zornige Journalistin, nachdem sie die deutschen Bionade-Biotope zwischen Tübingen und Berlin durchreist und ein Buch darüber geschrieben hat („Ende der Märchenstunde“, erschienen im Karl Blessing Verlag).

Auf 350 Seiten hält sie der Ethik-Schickeria den Spiegel vor, hinterfragt die Verantwortungsrhetorik der Unternehmen und stürzt ausgewählte Helden der Nachhaltigkeit vom Sockel. Einer dieser Helden ist Karl Ludwig Schweisfurth, einst Besitzer des größten fleischverarbeitenden Unternehmens in Europa („Herta Wurst“). Nachdem er Herta an Nestlé verkauft hat, verwandelte sich Schweisfurth in einen Biobauern, er besitzt heute einen der eindrucksvollsten und idyllischsten Bio-Bauernhöfe in Deutschland. Was Kathrin Hartmann stört, ist die Tatsache, dass „Schweisfurth mit seinem Projekt nicht die Fleischwirtschaft geändert hat, sondern nur sich selbst.“ Und obwohl die Journalistin Hartmann dies dem früheren Wurst-Baron nicht zum persönlichen Vorwurf machen will, spürt man in ihren Beschreibungen doch den Vorwurf an die Eitelkeit und den Narzissmus einer Szene, die sich selbst dafür feiert, dass sie als Genusselite auch die besseren Menschen sind. So bekommen auch Claudia Langer (utopia.de) und Christoph Harrach (karmakonsum) ihr Fett weg.
Kathrin Hartmann, deren journalistischer Weg sie bisher durch die Redaktionen von Frankfurter Rundschau, taz, Titanic und Neon geführt hat, begnügt sich indes nicht mit personenbezogener Stilkritik, sondern entwickelt eine politische Argumentationslinie, um zu beweisen, dass der LOHAS-Trend die Verhältnisse in der Welt zementiert und die Kluft zwischen Arm und Reich nicht kleiner macht, sondern im Gegenteil: „Seinen Hedonismus kann sich der LOHAS nur deshalb ohne Reue leisten“, behauptet Hartmann, „weil es die Dritte Welt gibt“. Darum interessieren den LOHAS-Menschen auch die Missstände und die Armut im eigenen Land herzlich wenig – denn gegen diese „gibt es ja auch kein richtiges und schickes Produkt, das man kaufen und genießen kann.“

Diesen grundsätzlichen Einwand gegen die „Kauf dir eine bessere Welt“-Mentalität unterfüttert Kathrin Hartmann in den Kapiteln ihrer Anti-LOHAS-Bibel, die sich mit der Greenwashing-Praxis der Wirtschaft, der Rolle der Weltwirtschaftsorganisationen und dem Versagen der Politik gegenüber den Konzernen beschäftigen. Statt nachhaltige Industriepolitik zu machen, habe die letzte Bundesregierung lieber Schirmherrschaften für CSR-Initiativen übernommen, Studien in Auftrag gegeben und nett illustrierte Broschüren „mit Empfehlungen für gute Unternehmenspraxis“ drucken lassen.

Am 21. Oktober präsentiert Kathrin Hartmann ihr Buch erstmalig in einer öffentlichen Lesung in der Berliner „stratum lounge“ (Boxhagener Str. 16) und stellt sich der Diskussion.

Nähere Informationen zu der Veranstaltung bekommt man unter Fon 030-22325270 oder im Internet unter www.stratum-consult.de.

Beitrag von auf 12. Oktober 2009. Abgelegt unter Literatur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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