Die Blume an der Wien

Abgelegt unter: Kunst & Kultur |


Die hervorragende und zukunftsweisende Inszenierung von Helmut Baumann macht deutlich, dass
hier einer der erfahrendsten Musical- und Operettenkenner Deutscher Zunge am Werk war. Seine Umsetzung der Jazz-Swing-Operette Blume von Hawai an der Wiener Volksoper ist fern von Kitsch, Klamauk also dem Operetten-Charme der fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Baumanns Idee, Abrahams Kleinod sozusagen als großen Kinofilm zu erzählen, der seinen Anfang in einem Wiener Kinosaal nimmt und Bessie Worthington alias Lisbeth Kratochwil – eindrücklich von Eva Maria Marold dargestellt und Kapitän Reginald Harald Stone alias Harald Kratochwil – Thomas Sigwald mimt ihn stimmlich überanstrengt aber darstellerisch durchaus mitreißend – in die Handlung einbaut, zeigt, dass Operette einen festen Platz in der anspruchsvollen Unterhaltung haben kann. Die Form der Darstellung weiß zu gefallen und wird vom Wiener Publikum angenommen. Die Blume von Hawai stammt aus der Feder des ungarischen Komponisten Paul Abraham (1892 bis 1960) und der Librettisten Emmerich Földes, Alfred Grünwald sowie Fritz
Löhner-Beda und wurde im Sommer 1931 in Leipzig uraufgeführt. Erstmalig kam der Jazz in eine große Operette und Baumann entwickelt das Konzept in Richtung Musical im positiven Sinne weiter und bricht jeden Kitsch ironisch ohne dieser Operette an sich auch nur im geringsten zu schaden. Im Gegenteil. Musikalisch bestimmen Slowfox und Foxtrott die großen Szenen und zeigen
einen deutlichen musikalischen Entwicklungssprung des Operettengenres. In der unspektakulären Choreographie von Kim Duddy zeigt sich das tänzerische Vermögen der Darsteller mehr oder weniger deutlich. Die Operette Blume von Hawai wirft schmerzlich die Frage auf, wie sich diese Musikgattung in Europa entwickelt hätte, wenn der zweite Weltkrieg es nicht verhindert hätte.

Blume von Hawai als Kinofilm in Wien
Das Wiener Ehepaar Kratochwil trifft sich im Kino und gerät in Streit über den gezeigten Film „Blume von Hawai“, der dem Ehemann zu kitschig ist, der lieber einen Thriller oder wenigstens Krimi sehen möchte, während die ihm Angetraute ein romantisches Liebesdrama bevorzugt. Sie möchte den männlichen Hollywoodstar, dem Christian Baumgärtel als Prinz Lilo Taro alias Oskar von Halmay kaum den notwendigen Tenorschmelz leiht, becircen. Klappe. Jetzt führt Wolfgang Gratschmaier als John Buffy die beiden in den Film ein und verändert die Handlung nach ihren Wünschen und doch erzählt er weiter das Stück und die Inszenierung kommt ohne modernistisch peinliche Veränderungen aus. Im Film wirkt die Geschichte auch nur halb so abgeschmackt. An der Wiener Volksoper lebt die Operette zumindest szenisch. Hier zeigt Helmut Baumann mehr als nur routiniert ein großes Geschick und bis zum Schluss erfreut seine Wiener Fassung der Blume von Hawai. Baumanns Konzept macht es möglich, dass die Eheleute Kratochwil zum Schluss erfreut aus dem Kino in einen der Wiener Bezirke entschwinden, wie auch das Publikum beglückt die Volksoper verlässt.

Zu mächtiger Orchesterklang macht es den Sängern schwer
Aber eine Operette lebt nicht vom Bühnengeschehen allein und damit zeigt sich auch schon ein Dilemma, denn die Musik ergänzt die Operette eben nicht kongenial zu einem beglückenden Theaterabend. Das Orchester der Volksoper Wien ist einfach zu groß und mächtig im Ton und
erzwingt, dass die Sängerinnen und Sänger mit Unterstützung von Microports sprechen und eben singen. Wäre das Orchester klein, beswingt und jazzend oder aber wenigstens auf der Hinterbühne positioniert, würden die Stimmen getragen und nicht durch einen dichten Ton aus dem Orchestergraben daran gehindert, zu erklingen. Außerdem setzt der Dirigent Joseph R. Olefirowicz die Partitur maximal routiniert um. Zu dicht und massig kommt der Klang aus dem Orchestergraben und leider kann der Dirigent auch viele Wackler nicht vermeiden. Das Orchester der Volksoper hat schon bessere Tage erlebt als unter Joseph R. Olefirowicz, der Blume von Hawai wohl auch mit Fledermaus oder Land des Lächelns verwechselt. Der unzureichenden Orchesterleistung stehen positive Aspekte und Darsteller gegenüber. Wolfgang Gratschmaier lenkt als „Regisseur“ nicht nur, er spielt und tanzt nicht nur hervorragend, sondern ihm gebührt zusätzlich noch die Krone der Tenöre an diesem Abend. Die Ritter vom hohen C Baumgärtel und Sigwald versagen trotz Mikrophonverstärkung und wer klangschöne Stimmen und Arien von ihnen erwartet, bleibt
enttäuscht. So zeigt sich die Stimmqualität des Tanzbuffo Wolfgang Gratschmaier besonders deutlich und macht klar, wer hier bei Stimme ist und wer nicht. Gratschmaier ist einfach der Handlungsträger mit Stimme, Charme und einer überragenden Bühnenpräsenz. Kammersänger Josef Luftensteiner (Gouverneur) und Ronald Kuste (Kanako Hilo) sind stimmlich und darstellerisch mehr als nur rollendeckend. Gaines Hall gelingt ein tänzerisch-darstellerisch hervorragender Jim Boy, dem es wahrnehmbar an gesanglicher Präsenz fehlen würde, wäre er nicht mikrophonverstärkt. In jedem Falle ist er eine Augenweide für die Damen, denn er zeigt sich mit Waschbrettbauch auf dem Surfbrett, bleibt aber bei seiner „zarten Stimme“.

Die Damen machen das gesanglichen Rennen
Eine insbesondere von der italienschen Oper kommende und bestens in die große Operettenpartie
der Laya alias Susanne Provence passende Sängerin ist Miriam Sharoni. Sie ist ein Augenschmaus und soweit sich die mikrophonverstärkte Stimme einschätzen lässt, blüht ihr lyrischer Sopran in allen Lagen und ohne Brüche bestens auf. Mit Johanna Arrouas steht eine echte Tanz-Soubrette als Raka auf der Bühne der Wiener Volksoper, die aus ihrer Rolle tänzerisch, gesanglich und schauspielerisch einfach alles herausholt. Glücklich kann sich ein Theater schätzen, dass eine solche Gesangsdarstellerin im Ensemble hat.

Der Wiener Volksoperchor agiert hervorragend – dem Dirigenten gelingt die Koordination nicht
Der Chor der Wiener Volksoper in der Einstudierung von Thomas Böttcher ist nicht nur einfach da und absolviert seine Auftritte, sondern jeder Chorist agiert individuell und das Stück voranbringend. Hier zeigt sich in besonderem Maße, wie sehr Baumann sein Konzept jedem auf der Bühne vermitteln konnte. Der Chorklang ist angenehm und auch beswingt. Lediglich aus dem Orchestergraben kommen in großen Szenen zuweilen Töne zur falschen Zeit, denn es gelingt Joseph R. Olefirowicz bis zum Schluss einfach nicht, das Geschehen im Graben und auf den Brettern zu koordinieren. Viele Wackler zeigen, dass ihm diese Operette schwer fällt. Der leichte Klang der goldenen Zwanziger erklingt unter ihm einfach nicht.

Blume von Hawai spricht Operettenliebhaber an
Das Bühnenbild und die Kostüme von Mathias Fischer-Dieskau und Ingrid Erb sind schlicht und ergreifend stimmig und unterstreichen die genialen Regiegedanken von Helmut Baumann, der beim
nächsten Mal mehr Augenmerk auf die musikalische Umsetzung legen sollte. In jedem Falle sollten sich Operettenliebhaber, die nicht in der Vergangenheit hängengeblieben sind und noch auf Rothenberger und Schock in kitschigen Kulissen warten, diese „Blume von der Wien“ nicht entgehen lassen. Das Stück beweist, dass es möglich ist, das Operettengenre modern und adäquat umzusetzen, ohne es zu vergewaltigen oder zu entfremden. Ein ungeteiltes Bravo gilt in jedem Falle den Herren Baumann für die Regieleistung und Gratschmaier für die schauspielerische und gesangliche Meisterleistung sowie der hervorragenden Sängerdarstellerin Miriam Sharoni, die in der Blume von Hawai ganz Operettendiva im positiven Sinne sein kann.

Sven-David Müller

http://www.svendavidmueller.de/kleine-fledermaus-ganz-gross.html

Beitrag von auf 11. April 2010. Abgelegt unter Kunst & Kultur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.




Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste