Hörbuch-Boom: Die Kunst der auditiven Verführung

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Köln – In einem Interview mit der „Hörothek“ beschreibt Uwe Herzog, worauf es bei Hörbuchproduktionen ankommt und gibt Tipps für angehende Hörbuchsprecher (www.hoerothek.de/index-herzog.htm): „Ein Hörbuchsprecher muss mehr leisten als die meisten Liebesbeziehungen,“ so Herzog, „denn wer hört einem anderen schon gern stundenlang passiv zu?“ Daher werde die Kunst, Hörbücher zu sprechen, auch von vielen Profi-Sprechern unterschätzt. Hörbuchproduktionen seien jedoch, so Herzog, „die eigentliche Königsklasse der Sprechkunst.“

Hier ein Auszug aus dem Interview:

HÖROTHEK: Wie kann ich als Hörbuchsprecher einen Hörer fesseln?

UWE HERZOG: Ein Hörbuchsprecher hat die Aufgabe, einen Stoff zu verkaufen. Das klingt vielleicht etwas profan, ist aber ein virtuoser und schwieriger Vorgang. Jeder gute Verkäufer kennt das AIDA-Prinzip. Damit ist nicht das Kreuzfahrtschiff gemeint, sondern das Grundprinzip des Verkaufens: AIDA steht für Attention, Interest, Desire und Action. Mit dem ersten Satz einer Geschichte erzeuge ich Aufmerksamkeit beim Hörer, mit den weiteren Sätzen Interesse und schließlich eine Art Begehren. Ganz am Schluss sind beide, Sprecher und Hörer, eins mit dem Stoff. Das ist dann die – gemeinsame – Aktion. Klappt es nicht, ist der Verkauf gescheitert und der Hörer ärgert sich darüber, weil er für das Hörbuch bereits Geld ausgegeben hat.

HÖROTHEK: Was ist eigentlich so schwierig daran?

UWE HERZOG: Viele Hörbuchsprecher glauben, sie könnten sich hinter dem Mikrofon verstecken und dann – aus einer geschützten Position heraus – agieren. Das Gegenteil ist der Fall. Das Ohr hört und sieht, im übertragenen Sinn, alles. Nicht nur, weil der Frequenzbereich beim Hören zehn Oktaven mehr umfasst als das menschliche Sehen und unsere Ohren nie geschlossen sind. Das Ohr “weiß“ auch mehr. Jede kleinste Empfindung wird vom Hörer wahrgenommen und quittiert. Entweder mit Aufmerksamkeit oder Ablehnung.

HÖROTHEK: Muss man Schauspieler sein?

UWE HERZOG: Wenn Hörbuchsprecher keine guten Schauspieler sind, sind sie auch keine guten Hörbuchsprecher. Anderseits ist nicht jeder Schauspieler auch automatisch gleich ein guter Hörbuchsprecher. Es kommt nicht unbedingt auf den Abschluss an einer Schauspielschule oder besonders viel Erfahrung auf der Bühne an. Die kann sogar hinderlich sein, weil es vollkommen verschiedene Genres sind. Aber: Grundsätzlich gehören Hörbuchlesungen ganz sicher zu den anspruchsvollsten Schauspielkünsten überhaupt – allein schon deshalb, weil nur ein einziges Ausdrucksmittel zur Verfügung steht, um beim Publikum die inneren Bilder zu erzeugen, die es bewegen und fesseln.

HÖROTHEK: Wann ist ein Hörbuch gelungen?

UWE HERZOG: Wenn der Sprecher ganz und gar eins ist mit dem Stoff. Das ist viel wichtiger als die Sprechtechnik selbst. Erst wenn ein Wort, ein Satz wirklich zum eigenen, überzeugenden Gedanken und Gefühl des Interpreten wird, gelingt es, den Hörer mitzureißen. Dem Hörer wäre es dann vermutlich sogar egal, ob ein Sprecher lispelt – solange er absolut innere Überzeugung und Glaubwürdigkeit besitzt. Dann kann keiner mehr weghören.

HÖROTHEK: Gibt es Tricks, um diesen Effekt zu erzielen?

UWE HERZOG: Wenn ein Sprecher ins Studio kommt und allein mit seiner Stimme eine enge Sprechkabine oder einen verqualmten Regieraum plötzlich in die Straßen von New York verwandeln soll oder in ein intimes Bettgeflüster oder in eine Weltraumschlacht, dann muss er sich da auch erst einmal reindenken. Der beste Trick dafür ist: Lies die ersten zehn Seiten. Wirf sie in die Tonne. Und fang noch mal von vorn an. Dann bist du drin in der Story.

Der ganze Wortlaut des Interviews ist unter

www.hoerothek.de/index-herzog.htm

nachzulesen, weitere Informationen zur Arbeit von (Hörbuch-)Sprechern finden sich unter

www.sprecherberuf.de

Beitrag von auf 21. Februar 2008. Abgelegt unter Literatur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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