„Mein liebes Tagebuch …“ – eine Legende wird 1500 Jahre alt

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Berlin, 22.10.2008. Die Geschichte des Tagebuchs ist vermutlich so alt wie die Geschichte der Schrift, aber erst assyrische Tontafelkalender aus dem sechsten Jahrhundert belegen, dass Menschen Tagesgeschehen in Schriftzeichen festgehalten haben: Marktpreise, Wasserstände und Wetterverhältnisse und was babylonische Herrscher taten wurden so dokumentiert. Bis ins späte Mittelalter waren solche Aufzeichnungen gefühllose Chroniken. Erst in der Renaissance entwickelte die Gesellschaft ein Gefühl ihrer Individualität und reflektierte zaghaft erste persönliche Eindrücke, Empfindungen und Meinungen in Memorialbüchern und Reiseberichten. Dennoch überragte die sachliche Beobachtung auch in solchen Berichten bis ins späte 17. Jahrhundert die Wiedergabe persönlicher Gefühle.

Eine Revolution des Tagebuchs löste der Engländer Samuel Pepys (1633-1703) aus, der in zehn Bänden nicht nur Zeitgeschichte aufschrieb, sondern auch seine eigenen Gefühle und kritische Betrachtungen des Verhaltens anderer und seines eigenen Gebarens verarbeitete. Damit schlug er eine Brücke vom objektiven Tagebuch der Renaissance zum subjektiven Tagebuch der Gegenwart.

Der Absolutismus des 18. Jahrhunderts drängt die Bürger in ihr Privatleben zurück. Die Religion wird personenbezogener, und diese beiden Faktoren fördern das Schreiben individueller Tagebücher als Mittel zur Seelenforschung und als persönlichen Rechenschaftsbericht. Tagebücher dieser Zeit können verklärt-romantisch wirken. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird das Tagebuch zur ausgewogenen Mischung aus Tatsachenbericht und Gefühlsspeicher, bis im 20. Jahrhundert das Tagebuch endgültig den Durchbruch zum persönlichen Begleiter in westlichen Kulturen meistert. Schätzungen zu Folge schreibt heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens einmal im Leben ein Tagebuch. Teils um Vergangenes zu bewahren, teils um Erlebtes zu verarbeiten.

Grund genug, dass sich die Berliner Unternehmer Thomas Böttcher und Peter Debik des im Internet noch unterrepräsentierten Thema angenommen und eine Website geschaffen haben, die das Tagebuch nicht nur in das 21. Jahrhundert portiert, sondern auch eine weitreichende, autobiografische Funktion für jeden Schreiber erfüllt. Auf der Website annoknips.com kann seit kurzem jeder Erlebtes mit Worten, Bildern und Videos festhalten. Erinnerungen können privat und vor neugierigen Blicken geschützt gespeichert werden oder wahlweise anderen zugänglich gemacht werden. Jeder entscheidet selbst, was er von sich preisgeben möchte und was nicht.

Rund 1500 Jahre nach den ersten Anfängen entwickelt sich das Tagebuch zu einer international vernetzenden sozialen Plattform, denn der Träger des elektronischen Tagebuchs – die annoknips.com Website – ist mehrsprachig und wird auch im Ausland genutzt. Aus antiken Tontafelkalendern hat sich über viele Jahrhunderte ein weltumspannendes Informationsnetz entwickelt, das Zeitgeschichte aus der Sicht des kleinen Mannes dokumentieren kann, der Individualität unbegrenzten Raum lässt und doch ein „großes Ganzes“ der Menschheit abbildet. Es bleibt spannend, wie sich das Tagebuch in Zukunft weiter entwickelt.

Beitrag von auf 22. Oktober 2008. Abgelegt unter Literatur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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