NRZ: Sargträger dringend gesucht – von DENISE LUDWIG

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Heinz Angenendt wirkt ein wenig bedrückt. Seine
Knochen wollen nicht mehr so, wie er will. Er ahnt, dass er diesen
Job, der ihm so viel Freude bereitet, womöglich bald aufgeben muss.
Das würde nicht nur ihn treffen, sondern auch Bestatterin Mirjam
Helmus-Fohrmann. Denn die Mülheimerin sucht händeringend Sargträger –
und ist damit nicht allein. Wesel, Essen, Oberhausen, Düsseldorf –
wohin man blickt: Den Bestattern gehen die Sargträger aus. Dabei,
sagt Leo Zydeck, erhalte er durch diesen Job ein “gutes Taschengeld”.
Der ehemalige Bergmann ist seit vielen Jahren Sargträger beim
Mülheimer Bestattungsunternehmen. Was er denn sonst machen solle –
als Rentner? Heinz Angenendt nickt. “Es macht Spaß zu arbeiten”, sagt
er. Spaß? Auf dem Friedhof? “Wir haben eine professionelle Distanz”,
sagt Angenendt, der seit 17 Jahren Sargträger ist. Die Distanz zu
halten, das gelingt aber nicht in allen Fällen. So manche Beerdigung
bleibe doch bei ihm hängen. Wenn er zum Beispiel Kinder zu Grabe
tragen muss, setzt er sich häufig danach in einen Park. “Wir sind ja
alle keine Klötze”, sagt Mirjam Helmus-Fohrmann. Der “Spaß” bezieht
sich eher auf die Rahmenbedingungen der Arbeit. “Ich bin unter
Menschen und an der frischen Luft”, sagt Leo Zydeck. “Unter Tage war
es damals schlimmer, da war es so heiß…” Heinz Angenendt ist so
etwas wie der der Chef von der Sargträger-Truppe, er telefoniert und
teilt die Kolonne ein, wenn sie gebraucht wird. “Es ist schön, wenn
die Truppe zusammen ist.” Sogar einen Sargträger-Stammtisch gibt es
einmal im Monat. Seit 17 Jahren macht der 77-jährige Mülheimer den
Job. Wie lange er noch dabei sein kann, weiß er nicht. “Wenn es
irgendwie geht, lassen wir dich nicht weg”, sagt Mirjam
Helmus-Fohrmann Das würde die eh schon angespannte Situation
zusätzlich verschärfen. Derzeit kann das Bestattungsunternehmen auf
acht bis neun Sargträger. Für einen Sarg braucht es in der Regel
mindestens sechs, besser acht Träger: Sechs, die den Sarg zu Grabe
lassen, und ein bis zwei Personen, die die Kränze tragen. Findet
zeitgleich eine weitere Bestattung auf einem anderen Friedhof statt,
kann das Bestattungsunternehmen keine Träger mehr stellen. In dem
Fall greift es auf andere Sargträger in der Umgebung oder gleich auf
Trägergesellschaften zurück. Eine solche hat Annemarie Kellmann in
den 90er Jahren in Essen ins Leben gerufen. Sie hat einen
Sargträgerpool von 27 Mitarbeitern. “Wir hatten auch schon mal 40”,
sagt sie. Auch sie könnte noch durchaus Verstärkung gebrauchen. In
Essen gebe es rund zwölf Bestatter, die alle oftmals zeitgleich
Beerdigungen durchführen würden – vor allem mittwochs und
freitagsvormittags. Dann sei es schwer, genügend Personal zu stellen.
Warum aber finden sich so wenige, die diesen Job machen möchten?
Annemarie Kellmann, Carl Salm, Vorsitzender des Bestatterverbandes im
Bezirk Düsseldorf, und der Weseler Bestatter Michael Keunecke haben
eine Erklärung: Früher hätten die Sargträger das Geld bar auf die
Hand bekommen. Heute ist es ein 450-Euro-Job, von dem man aber nie
wisse, ob auch tatsächlich 450 Euro zusammenkämen, meint Heinz
Angenendt. Es gebe Tage, an denen findet keine Bestattung statt, an
anderen Tagen sei dafür umso mehr los. Eine Gewissheit also gibt es
nicht. “Viele wollen ein festes Gehalt bekommen”, weiß Michael
Keunecke. Sargträger Heinz Angenendt rechnet vor: Für eine Beerdigung
bekommt er rund 25 Euro, kommt ein Gottesdienst dazu, sind es 35
Euro. Auf 450 Euro komme Leo Zydeck so gut wie nie. Wenn es gut
laufe, habe er rund zehn Einsätze pro Monat. Zudem müssten Sargträger
eine gewisse Grundfitness beweisen, ein Sarg mit Verstorbenem kann
weit mehr als 100 Kilo wiegen. Wer körperlich nicht so fit ist, steht
in der Mitte, auf die Träger am Kopf- und Fußende lastet das meiste
Gewicht. Außerdem müsse man gut zu Fuß sein, einen Führerschein und
einen Anzug samt Schuhwerk besitzen. Und: Man muss mit dem Thema Tod
umgehen können. “Viele Ehefrauen wollen das nicht, weil der Tod ein
Tabuthema ist”, weiß Heinz Angenendt. Der Trend zur Urnenbestattung
habe im Übrigen auch dazu beigetragen, dass sich weniger Sargträger
finden, ergänzt Michael Keunecke. Will heißen: Die Arbeit lohnt sich
finanziell seltener. Manche Bestatter nutzen Grabversenkungsmaschinen
Von rund zwei Stunden Arbeit bestehe eine Stunde aus Warten,
erläutert Mirjam Helmus-Fohrmann. Die Sargträger helfen auch bei den
Vorbereitungen in der Trauerhalle, stellen Blumendekoration und
Kerzenleuchter auf und verteilen Liedzettel. Nach der Trauerfeier
ziehen die Träger den Sarg zum Grab, heben ihn von dem Bahrwagen auf
Bohlen. Der entscheidende und wichtigste Moment tritt ein, wenn die
Bohlen unter dem Sarg weggezogen werden und das Gewicht auf den
Seilen und in den Händen der Träger lastet. Dafür braucht es
Erfahrung. “Die professionellen Träger wissen um diesen Moment”, sagt
Helmus-Fohrmann. Einige Bestatter, erläutert sie, nutzen inzwischen
eine Grabversenkungsmaschine. Der Auf- und Abbau sei allerdings mit
einem gewissen Aufwand verbunden. Und: Zum Grab gebracht werden, muss
der Sarg trotzdem. Das erledigt keine Maschine. Um Mitarbeiter zu
finden, hat sie bereits Stellenanzeigen aufgegeben. Die Ausbeute war
mager. “Wir sind offen für alles”, sagt Mirjam Helmus-Fohrmann. “Wir
würden auch Frauen nehmen.”

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Beitrag von auf 9. Oktober 2019. Abgelegt unter Kunst & Kultur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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