Wege aus der geteilten Bildungsrepublik: Bessere Lernmöglichkeiten an Schulen mit hohem Zuwandereranteil schaffen

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SVR-Forschungsbereich legt Studie zu Ausmaß und Folgen von Bildungssegregation an Schulen in Deutschland vor. In Städten ist ein hohes Ausmaß der Entmischung der Schülerschaft festzustellen. Lernbedingungen an segregierten Schulen sind oftmals ungünstig. Aber: Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an einer Schule allein wirkt sich nicht negativ auf die Leistung einzelner Schüler aus. Entscheidend sind sozialer Hintergrund und Leistungsniveau der Mitschüler. Auch Schulen mit hohem Zuwandereranteil können sehr gutes Lernumfeld bieten. Studie stellt Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Lernmöglichkeiten an segregierten Schulen vor. Interkulturelle Öffnung spielt eine Schlüsselrolle.

Deutschlandweit geht jeder fünfte Grundschüler auf eine segregierte Schule; besonders hoch ist der Anteil segregierter Schulen in Großstädten. Hier besuchen knapp 70 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund bereits im Grundschulalter eine Schule, an der mehrheitlich Kinder nichtdeutscher Herkunft unterrichtet werden. In mittelgroßen Städten (mit mehr als 100.000 Einwohnern) gilt dies für 57 Prozent der Grundschüler mit Migrationshintergrund, in Kleinstädten beträgt der Wert rund 41 Prozent. Damit legt die Studie detaillierte bundesweite Daten zum Ausmaß der Segregation an Schulen vor. „In allen Regionen Deutschlands lernen Schüler nichtdeutscher Herkunft besonders häufig an segregierten Schulen und haben damit oft die schlechteren Startchancen“, sagte Dr. Jan Schneider, Leiter des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Segregation wirkt sich negativ auf den Lernerfolg von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund aus. Es ist aber nicht der Zuwandereranteil an einer Schule bzw. in einer Schulklasse, der die Leistung einzelner Schüler hemmt. Das haben Studien immer wieder gezeigt. Entscheidend sind vielmehr die sozioökonomischen Bedingungen des Elternhauses und insbesondere das durchschnittliche eistungsniveau der Mitschüler.

Für die 60-seitige Studie, die von der Stiftung Mercator gefördert wurde, hat der SVR-Forschungsbereich eine Sonderauswertung der jüngsten Schulleistungsuntersuchungen IGLU und TIMSS durchgeführt sowie Schulstatistiken einzelner Bundesländer und des Mikrozensus ausgewertet. Im Mittelpunkt stehen Handlungsempfehlungen, wie Schulen mit hohem Zuwandereranteil bessere Lernbedingungen schaffen können. „Alle Kinder haben ein gleiches Recht auf Bildung. In Deutschland ist diese Vision noch nicht Realität. Nach wie vor schneiden Kinder mit Zuwanderungsgeschichte in der Schule im Durchschnitt schlechter ab als Kinder ohne“, sagte Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator. „Daher setzen wir uns in unseren Projekten für mehr Chancengleichheit ein und wollen den Transfer in die Breite begleiten: So unterstützt das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache zum Beispiel eine bessere Lehrerausbildung für die Arbeit mit Schülern unterschiedlicher Herkunft.“

Ursache der Entmischung der Schülerschaften ist vor allem die wohnräumliche Segregation in den Kommunen. Verschärft wird die Segregation durch die elterliche Schulwahl: Besonders bildungsnahe Eltern – mit und ohne Migrationshintergrund – tendieren dazu, Schulen mit hohem Zuwandereranteil zu meiden. Dadurch steigt an einzelnen Schulen der Anteil der Schüler, die aufgrund ihres Elternhauses schlechtere Lernvoraussetzungen haben; sehr zum Nachteil vieler Schüler mit Migrationshintergrund. „Die lernschwächsten Schüler brauchen die stärksten Schulen“, nennt Jan Schneider als Ziel. „Davon sind wir derzeit noch weit entfernt.“

Da eine ausgewogenere Mischung von Schülern nicht ?von oben? erzwungen werden kann, empfiehlt der SVR-Forschungsbereich als erfolgversprechenden Ansatz, die Lernbedingungen an segregierten Schulen strategisch und ganzheitlich zu verbessern. Die Handlungsempfehlungen basieren auf den jüngsten Erkenntnissen der Schulentwicklungsforschung und wurden in einem intensiven Austausch mit Experten aus Schulpraxis, Verwaltung, Bildungspolitik und Zivilgesellschaft erarbeitet. Die vorgeschlagenen Maßnahmen haben sich in der Praxis an segregierten Schulen bewährt; die Studie des SVR-Forschungsbereichs versteht sich somit auch als wissenschaftlich fundierte Handreichung für Praktiker.

Wege aus der schulischen Segregation sind vor allem dann vielversprechend, wenn sowohl die einzelnen Schulen als auch die zuständigen bildungspolitischen Akteure konzertiert handeln. „Eine Schlüsselrolle spielt die Interkulturelle Öffnung der segregierten Schulen“, betonte Schneider. Das bedeute, die immer noch vorherrschende Orientierung am ?deutschen Durchschnittsschüler? in allen Bereichen des schulischen Alltags schrittweise an die vielfältige Schülerschaft anzugleichen. „Eine erfolgreiche Interkulturelle Öffnung kommt letztlich allen zu Gute: Sie verspricht bessere Bildungschancen für eine immer stärker von Diversität geprägte Schülerschaft.“ Damit die Interkulturelle Öffnung gelingt, muss das gesamte Lehrerkollegium einbezogen werden. Dazu gehört erstens eine systematische Fortbildungsplanung für alle Lehrkräfte, um interkulturelle Kompetenz und ihre Umsetzungsstrategien an der gesamten Schule zu verankern. Zweitens müssen Lehrer die durchgängige sprachliche Bildung der Schüler in allen Unterrichtsfächern unterstützen. Drittens muss sich die Interkulturelle Öffnung auch in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Eltern niederschlagen. Da Schulerfolg in hohem Maße vom Elternhaus abhängig ist, müssen Familien über Kooperative Elternarbeit aktiv in die schulische Entwicklung der Kinder einbezogen werden.

Grundvoraussetzung für verbesserte Lernbedingungen an segregierten Schulen ist eine langfristige Unterstützung der Schulen durch die zuständigen Schulbehörden und Kultusministerien. Dies gilt vor allem für die Qualifizierung des Schulpersonals, die Unterstützung von schulischen Kooperationen und die Einführung von Sozialindizes als Bemessungsgrundlage für die Mittelzuweisung.

Derzeit gehört es für Lehramtsstudierende nur an jeder fünften Hochschule zum Pflichtprogramm, sich pädagogische Kompetenzen im Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft anzueignen. „Die Vielfalt der Schülerschaft ist an Schulen in Deutschland längst der Normalfall. Lehrer und Erzieher müssen darauf besser vorbereitet werden“, sagte Schneider. Der Umgang mit Heterogenität sollte bundesweit fester Bestandteil der Lehrerausbildung werden, dies gilt insbesondere für die Sprachbildung.

Eine weitere Voraussetzung für eine gelingende Interkulturelle Öffnung ist eine nachhaltige schulische und außerschulische Kooperation, z.B. mit Sportvereinen und Kultureinrichtungen. Die Erfahrung aus Modellprojekten zeigt, dass Kooperationen besser gelingen, wenn sie langfristig durch Akteure vor Ort und durch die Kultusministerien unterstützt werden. Daher empfiehlt der SVR-Forschungsbereich die Förderung kommunaler Bildungslandschaften. Diese Netzwerke aus Schulen, Sportvereinen und Einrichtungen der Jugendhilfe organisieren z.B. Hausaufgabenhilfe, kulturelle und sportliche Aktivitäten sowie vielfältige Angebote für Eltern.

Segregierte Schulen, in denen häufig viele sozial benachteiligte Schüler lernen, benötigen zusätzliche personelle und materielle Ressourcen. Nur so können sie ein besseres Lernumfeld bieten. Um segregierte Schulen bedarfsgerecht zu finanzieren und eine Interkulturelle Öffnung zu ermöglichen, sollten sie auf der Grundlage eines sog. Sozialindex zusätzliche Mittel erhalten. Bremen und Hamburg praktizieren dies bereits seit Jahren.

„In allen Teilen Deutschlands gibt es Beispiele dafür, dass Schulen eine positive Wende schaffen können, wenn die nötigen Mittel vorhanden sind und Schulleitung und Lehrerkollegium Konzepte engagiert umsetzen“, sagte Jan Schneider. Das komme den Schülern zugute, die bessere Lernbedingungen vorfinden, aber auch den Lehrern, deren Arbeitsbedingungen sich wieder verbessern. Die Studie nennt vier Beispiele von segregierten Schulen in Hamburg, Bremen, Dortmund und München, an denen die Interkulturelle Öffnung gelungen ist.

„Wir brauchen wesentlich mehr Schulen, die diesen Weg beschreiten und dabei konsequent von Politik und Verwaltung begleitet werden“, sagte Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator. „Wenn Schulen, Schulbehörden, Kultusministerien und die Zivilgesellschaft gemeinsam verstärkte Anstrengungen unternehmen, kann es gelingen, eine Breitenwirkung zu erzielen und auch für Schüler mit Migrationshintergrund Chancengleichheit herzustellen.“

Die Studie können Sie hier [Link: http://www.svr-migration.de/content/wp-content/uploads/2013/07/SVR-FB_Studie-Bildungssegregation_Web.pdf] herunterladen.

Stiftung Mercator GmbH
Postfach 10 14 13
45014 Essen

Telefon: +49 (0)201 245 22 54
Telefax: +49 (0)201 245 22 22

Mail: info@stiftung-mercator.de

Beitrag von auf 18. Juli 2013. Abgelegt unter Kunst & Kultur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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