Wenn Kardinäle rot werden

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Heidelberg. Vor einem tief roten Hintergrund zeichnen sich fünf Kardinäle ab. Die feurigen Scherpen ihrer schwarzen Soutanen gehen nahtlos in den lodernden Raum über. Der fünfte Kollege ist nur an der Silhouette seiner traditionellen Kopfbedeckung zu erahnen. Das in diesen Tagen besonders brisante Gemälde von Karen Shaverdyan trägt den Titel „Das fünfte Element“.

Am 26. März 2010 setzte sich der Kunst-Leistungskurs des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums in der Heidelberger „Galerie G“ mit dem Original des Ölbildes auseinander. Die Abiturienten wurden ohne Vorinformationen aufgefordert, den Bedeutungspielraum des Kunstwerks auszuloten. Als erste Assoziation kam den meisten Schülern die aktuelle Debatte über die Fälle von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche. Sie entdeckten auf der Leinwand blutrote Chiffren der Gewalt, das Gesichtslose von anonymen Tätern und den abgehobenen Umgang von Kirchenvertretern mit der Welt. Nur nach außen würde hier der Schein gewahrt.

Andere Interpreten empfanden die Darstellungsweise mehr als grundsätzliche Kritik an der Institution Kirche. Für das Amt des katholischen Würdenträgers zahle man einen hohen Preis: die eigene Persönlichkeit würde aufgegeben. Manche gingen noch einen Schritt weiter und sahen in den schwebenden Roben nur noch unbeseelte Kleiderständer. Der Machtanspruch der Kirche als sinnentleerte Hülle. Doch es gab auch die eher nüchterne Lesart, dass sich hier fünf Kardinäle während der Papstwahl austauschen würden, weil noch immer kein weißer Rauch aufgestiegen sei.

Entsprechend der verschiedenen Sinnzuweisungen formten sich die Vorschläge für den Titel: „Kirche aktuell“, „Die Scheinheiligen“ und „Enklave“.
Der armenische Künstler Karen Shaverdyan hält sich selbst mit Aussagen über sein Werk zurück. Das Bild entspringt einer intensiven gedanklichen wie künstlerischen Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Thema „Pentagramm“, die im Jahr 2006 begann, also weit vor den aktuellen Schlagzeilen über den Klerus. Bei den Werken Karen Shahverdyans benötigen wir den zweiten Blick, um Antworten zu finden. Er selbst legt sich nicht fest. Und schweigt. Wie die Figuren seiner Kaufobjekte …

Beitrag von auf 31. März 2010. Abgelegt unter Kunst & Kultur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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