Wiesn-Nostalgie:

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Oberding/Erding. Rechtzeitig zu Beginn des Oktoberfestes und als literarisches Bonbon zur 850-Jahr-Feier der Stadt München ist mit „Kindheit in München in den 50er Jahren“ ein sehr persönliches Erinnerungsbuch an die Kindertage der Autorin Monika Reitmajer erscheinen. In ihrem Erstlingswerk gelingt es der gebürtigen Münchnerin, Familientherapeutin und Erziehungsberaterin unter anderem mit ihren originellen Wiesn-Geschichten über zeitgenössische Erziehungsmethoden bis hin zu sehr individuellen Erlebnissen die Leser in ihren Bann zu ziehen. Das flüssig und gut lesbare Büchlein ist ein Vergnügen für Alle, die nach dem Krieg geboren sind, und für Kinder und Kindeskinder ein spannender Ausflug in die Andersartigkeit der damaligen Zeit. Das Buch ist im Reimo-Verlag erschienen und kann zum Preis von 10,00 Euro direkt unter www.reitmajer-verlag.de sowie über den Buchhandel mit der ISBN-Nummer 978-3-9811349-9-5 bezogen werden.

Ein kleines, durch die Jahrzehnte etwas mitgenommenes, Karussell ziert das Buchcover und katapultiert den Leser direkt in die Zeit der 50er Jahre. Einfühlsam und originell beschreibt die Autorin in der dazugehörigen Geschichte, wie ihr Onkel eine „Mini-Wiesn“, die sich heute vermutlich noch im Besitz einer großen Münchner Brauerei befindet, anfertigte, und hinterlässt beim Leser keinen Zweifel daran, dass dies ihr Lieblingsspielzeug war. Doch auch die richtige Wiesn, das Oktoberfest, begeisterte die Besucherin der Realschule am Bavariaring, gleich neben dem berühmten Festgelände. Eine Schande sei es gewesen, wenn man da nicht täglich nach der Schule mit den Klassenkameradinnen durch das prachtvolle Fest gestreift wäre, sofern das Taschengeld reichte. In frühen Kindertagen, in Begleitung von Mutter und Schwester, führte sie der Weg in den Liliputanerzirkus. Einstige Attraktionen wie „die dickste Frau der Welt“, „die Dame ohne Unterleib“ oder „der schwärzeste Neger der Welt“ schildern, durch die kritische Sichtweise der Autorin heute, die damalige Befriedigung zweifellos voyeuristischen Wünsche eindrucksvoll.

Die „größer-höher-schneller-lauter-teurer-Wiesn“ existierte damals nach Einschätzung der Autorin so noch nicht, obwohl die Nachkriegskinder und –jugendlichen sich schon recht „schneidig und mutig“ fühlten, wenn sie das „Calypso“, das „Round-up“, die „Wilde Maus“, die Überschlagsschiffschaukel oder die Achterbahn mit höchstens einem Looping betraten. Und auch „eine Vorausbuchung im Januar für Plätze im Bierzelt im September wird es wohl noch nicht gegeben haben…“ so Reitmajer. Umso schöner, dass einige wenige Relikte, wie die nostalgische Krinoline, auch Heute noch zu sehen sind. Und auch das Wiesn-Gefühl sei noch da: „…reizvoll ist sie immer noch, die Wiesn“.

Insbesondere ihre detailgetreue Beobachtungsgabe ermöglicht vielen Münchner Zeitgenossen eigene Spuren der Vergangenheit, auch jenseits des Oktoberfestes, auf unterhaltsame Weise wieder zu finden. So beispielsweise den Ballonroller, den man halb- oder stundenweise ausleihen konnte, die gerade im Entstehen begriffenen Freizeitheime, aber auch beliebte Kinderspiele wie das „Schussern“, „Der Kaiser schickt seine Soldaten aus“ oder die wöchentlich mit dem Karren vorfahrende „Kartoffelfrau“, deren „…Hände und das Gesicht waren faltig und von einem feinen kartoffel-erdig riechenden Staub überzogen, das roch, als würde man durch ein Kartoffelfeld gehen…“. Eine sehr persönliche Note erhält das mit vielen Bildern illustrierte Werk durch Anekdoten aus dem individuellen Umfeld von Monika Reitmajer, wie die Geschichte „Jungfer als Beruf“, die von der Anstellung ihrer Mutter im Schloss Nymphenburg bei Prinzessin Clara, einer Cousine von Ludwig II, handelt.

Mit einer aufregenden Reise in die Vergangenheit aber auch mit vielen kritischen Momenten ist Monika Reitmajer mit ihrem Debüt ein sehr lesendwertes Buch gelungen, dem man viele Leser wünscht.

Beitrag von auf 9. September 2008. Abgelegt unter Literatur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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