Zagreb-Festival für zeitgenössiche Musik auf hohem Niveau

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(von Christian Bauer) Bereits 2007, zu Beginn der erneuten Aufnahmenaktivitäten zwischen der EU und Kroatien, setzte das KulturForum Europa (KFE) ein deutliches, positives Zeichen, Kroatien als Teil der europäischen Wiedervereinigung anzuerkennen und offiziell in das EU-Haus zu integrieren, forderte KFE-Präsident Dieter Topp im Nationaltheater Zagreb. Dass zwei Jahre später immer noch nichts dergleichen geschehen ist, macht die Kroaten unzufrieden, und ein Abdriften in extreme politische Lager steht als Gespenst am Horizont. Dass die Musik Biennale Zagreb seiner 25.Festivalausgabe das Thema „Arts and Politics“ vorangestellt hatte, war mehr als schlüssig, bedenkt man ihre Anliegen, „seit 196, als Kulturbotschafter zwischen Ost und West nationale Grenzen und kulturhistorische Barrieren zu überwinden und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge in Europa und der Welt zu verdeutlichen“, so der Wortlaut der Urkunde der Europa-Auszeichnung. „Heute ist in Kroatien mehr oder weniger alles Politik“, so Festival-Leiter Berislav Sipus, was nicht unbedingt von Vorteil sei, wenn es in allen Bereichen der Gesellschaft, sei es sozial, kulturell, künstlerisch oder sogar privat ausufere“. Eben hier trete die MBZ mit ihren Komponisten, Regisseuren und Verantwortlichen informierend ein, wachsam zu sein bei Kontrolle und Manipulation.

Vielleicht schien dem ausländischen Besucher dieser Punkt zu eng gefasst, da er stets von der kroatischen Presse hinterfragt wurde. So vergisst man leicht, dass eine Musik Biennale 2009 über den politischen Anspruch hinaus ein Podium für Schaffen zeitgenössischer Musik bedeutet, sich in Kroatien, Europa weit und auch international zu treffen, auszutauschen und den sowieso nicht allzu zahlreichen Freunden dieser Musikgattung die Möglichkeit bietet, sich zu informieren. Darüber hinaus darf bei immer enger werdenden öffentlichen Mitteln für Kultur der ökonomische Aspekt einer Musikbörse, den heute ein Festival 50 Jahre nach seiner Gründung ausmacht, nicht außer Acht bleiben.

Die 25. MBZ zeichnete sich wieder durch Reichhaltigkeit an musikalischen Angeboten an unterschiedlichen Orten von Opernhaus, Museen, über Multifunktionshallen bis hin zum alternativen studentischen Zentrum aus. Man hatte allerseits begriffen und auch umgesetzt, dass die MBZ für Zagreb ein Ereignis von kulturtouristischer Bedeutung auf höchstem Niveau ausmacht. Zeitgenössische Musik ist hier im Osten Europas kein Stiefkind, dem eine Nische eingeräumt bleibt. Man identifiziert sich damit als ein Beispiel für Diversity von Land, Hauptstadt und Einwohnern ebenso wie mit dem Gay Pride, den Rock Festivals oder dem Int. Dance Week Festival, das weite Teile des Landes mit einschließt. Kroatien gibt sich nicht nur europäisch, es lebt als ein Teil der EU, und das sollten Politiker und vor allem Gegner innerhalb der Gemeinschaft bedenken.

Die MBZ 2009 mag den Interessierten durch die englischen Internetseiten www.mbz.hr locken sich weiter zu informieren. Einen Eindruck mag die folgende Auswahl der zahlreichen szenischen Werke der diesjährigen Festival-Auflage vermitteln.

Als herausragendes Ereignis der 50. Musik Biennale Zagreb soll das Werk des Komponisten Srecko Bradic „Crux Dissimulata“ angeführt sein. Hier ist dem Regisseur Kresimir Dolencic nach dem Text von Ivan Vidic ein guter Wurf gelungen. „Nicht das Theater verändert die Menschen, sondern die Gesellschaft verändert das Theater“ macht die politische Botschaft Donlencics zu einem Stück von internationalem Charakter und hebt die Bedeutung über das altehrwürdige Gemäuer des Opernhauses von Zagreb hinaus. Die Musik bedient sich zeitgenössischer Phrasen ebenso wie volksliedhafter Einfachheit, um die Geschichte einer tragischen Liebe im Umfeld von Maffia, Alkohol und Rowdytum zu untermalen. Auf der einer karge Bühne, eingebettet in Video-Projektionen (Dianka Jericevic) zeigt Kresimir Dolencic, was sein Können als international gefragter Regisseur ausmacht. Er versteht die Inszenierung von Massenszenen, die Choreographie symbolischer immer wiederkehrender Handlungen von banal bis brutal und wird dabei von einem geschickten Lichtdesign ( Deni Sesnic) unterstützt. Der Regisseur befindet sich direkt am gesellschaftlichen Geschehen, hier ist er politisch und darüber hinaus von solch allgemeiner Gültigkeit, dass auch diese Biennale-Inszenierung eine seiner international anerkannten Arbeiten werden könnte.

So zog sich das Leitthema „Arts and Politics“ durch das Biennale Programm und wurde im „Musik-Stück“ SÜDEN vom italienischen Theater Fanny und Alexander fortgeführt. Hier hockte das Publikum ewig im Dunkeln und über ein verblassendes Hitler-Bild wurde über ihm Musik ausgeschüttet. Der Besucherblick war fokussiert auf Politisches und fandt es im szenischen Oratorium des als Kind nach Deutschland ausgewanderten jugoslawischen Komponisten Miro Dobrowolny „Silberstadt – Srebrenica“ über das Wegsehen niederländischer UN-„Friedenssoldaten beim Selektieren“ von Menschen.

Bemerkenswert das Choreodrama nach P.P. Pasolini von Sandro Lombardi und Virgilio Siena und die Oper „Zirkus“ von Kristine Tornquist, eine österreichische Produktion über die Mutation des Menschen in bestimmter Situation zum Tier. Eine Mono-Oper „Liebeslieder“ für Mezzosopran des kanadischen Queen of Puddings Musiktheater setzte die Reihe fort und fand nach dem Choreomusical Projekt „Clairvoyant Paths“, einer französisch-ungarischen Produktion, Schlusspunkt im „Prozess“, einem eigens für die Thematik der 25. Biennale komponierten Ballett von Berislav Sipus und der Choreographie von Stasa Zurovac zusammen mit dem Theater Rijeka ihren Schlusspunkt. Der Prozess nach Kafka stand 2009 geistig Pate für den durchgängigen (Enstehungs)prozess der Events beim 25. Biennale Geschehen. Herzlichen Glückwunsch den Machern, Mitwirkenden und dem Publikum, dass derart Ausgeklügeltes zu sehen bekommt.

Beitrag von auf 27. April 2009. Abgelegt unter Klassische Musik. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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