Blicke auf Egon Schiele: Symposium im Leopold Museum

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Mit Vorträgen von Eric Kandel, Gemma Blackshaw, Elisabeth von
Samsonow u. a.

Am Sonntag luden Direktor Hans-Peter Wipplinger und Verena Gamper, Leiterin des
Egon Schiele Dokumentationszentrums im Leopold Museum, zum dritten Egon Schiele
gewidmeten Symposium. Im Rahmen der ganztägigen Veranstaltung näherten sich
namhafte internationale wie österreichische Vortragende dem Werk und Wirken von
Egon Schiele aus unterschiedlichen Perspektiven.

Zum Auftakt hielt Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel den Vortrag “The Age of
Insight: The Origins of Modernist Thought”. Der weltweit renommierte
Neurowissenschaftler ist Professor an der Columbia University New York sowie
Seniorwissenschaftler des Howard Hughes Medical Institute und widmet sich in
seiner Forschung der Erinnerung und dem Gedächtnis des Menschen. Bereits vor
zehn Jahren wurde Kandel, der als Kind vor dem nationalsozialistischen Regime in
die USA flüchtete, zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt – in den Tagen vor dem
Symposium nahm er den “Goldenen Rathausmann” von Bürgermeister Michael Ludwig
entgegen, erhielt mit dem “Großen Ehrenzeichen am Bande” die höchste
Auszeichnung der Ärztekammer für Wien und wurde von der Universität Wien sowie
der Medizinischen Universität Wien anlässlich seines 90. Geburtstags gefeiert.
In seinem Buch “Das Zeitalter der Erkenntnis” fokussiert Kandel auf Wegbereiter
der Wissenschaft, Medizin und Kunst in Wien um 1900, die das Verständnis vom
Wesen des Menschen prägen sollten, darunter Sigmund Freud und Arthur Schnitzler,
sowie Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele.

Gemma Blackshaw, Kunsthistorikerin, Kuratorin und Senior Tutorin am Royal
College of Art London, präsentierte unter dem Titel “Egon Schiele’s Clinical
Modernism” Einblicke in ihre aktuelle Forschung. Blackshaw, die zum Thema der
modernen Wiener Portrait- und figurativen Kunst, mit speziellem Fokus auf deren
Überschneidung mit dem visuellen, institutionellen und therapeutischen Rahmen
moderner Medizin publiziert, fokussierte in ihrem Vortrag auf die Verflechtung
klinischer Medizin mit moderner figurativer Kunst. Anhand von Egon Schieles 1910
entstandener Serie von Studien schwangerer Frauen an der Zweiten Frauenklinik
des Allgemeinen Krankenhauses der Universität Wien, sowie seines Gemäldes von
Dr. Erwin von Graff, Assistent des Direktors der Klinik, veranschaulichte sie
Schieles “Klinischen Modernismus” und die Verbindungen zwischen den zur
damaligen Zeit progressiven Einrichtungen und Schieles Abbildungen des
weiblichen Körpers als Objekt der Medizin.

Seit 2009 setzt sich die Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow
anhand von Forschungen im Zusammenhang mit dem Nachlass von Anton Peschka jr.
mit Schiele auseinander. In ihrem Vortrag “Archäologie und Mineralogie – Egon
Schieles produktive Auseinandersetzung mit Moriz Hoernes und Wilhelm Worringer”
ging von Samsonow der Art und Weise nach, wie Schiele Lektüren und Abbildungen
in den sich im Nachlass befindenden Publikationen des Prähistorikers Moriz
Hoernes sowie in mineralogischen Lehrbüchern in moderne visuelle Konzepte
übersetzte. Die Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien stellte
Zusammenhänge zwischen Schieles Mineraliensammlung, seinen Mineralienbüchern und
seinen wie mineralisiert wirkenden Städteporträts her und veranschaulichte, wie
Schiele auf bahnbrechende archäologische Entdeckungen, etwa jene der Venus von
Willendorf 1908, künstlerisch reagierte.

In seinem Vortrag “Ikone Schiele” ging Patrick Werkner, ehemaliger Professor für
Kunstgeschichte und Leiter der Kunstsammlung der Universität für angewandte
Kunst Wien, von Werken aus, in denen sich der Künstler selbst in die Nähe des
Heiligen rückte. Insbesondere fokussierte Werkner auf Schieles
Selbstinszenierung in den Fotografien von Anton Josef Tr?ka. Vor Schieles
Gemälde Begegnung von 1913 treffen im Foto von Tr?ka die symbolische,
gedankenschwere Malerei Schieles jener Zeit und die “reale” Person des Künstlers
in widerspruchsvoller Weise aufeinander.

Verena Gamper, Kuratorin und Leiterin des Egon Schiele Dokumentationszentrums am
Leopold Museum, nahm unter dem Titel “,Die Ausstellung ist heute unentbehrlich.’
– Schiele und das Medium Ausstellung” diesen erweiterten Inszenierungsraum in
den Fokus und analysierte die Reflexion des Künstlers auf
Präsentationszusammenhänge, Vermarktung, Image- und Meinungsbildung anhand
seiner Ausstellungstätigkeit bis 1915. Exemplarisch untersuchte sie die Rolle
von Autografen, Ausstellungskatalogen und -rezensionen für die Schließung von
Lücken in der Forschungslage, und betrachtete strukturelle Parameter wie Jury,
Zensur und Verfügbarkeit, die Einfluss auf die Werkauswahl hatten. Gamper
zeichnete den Wandel von Schieles jugendlicher Euphorie gegenüber der
Ausstellung zu Beginn seiner Karriere zu einer relativen Delegierung der
Ausstellungsagenden in den intensiven Vorkriegsjahren an Arthur Roessler und
Hans Goltz bis hin zur Emanzipation und Positionierung als souveräner Stratege
nach.

Schließlich präsentierten Stefanie Jahn, Agathe Boruszczak und Sandra Maria
Dzialek neue Erkenntnisse zu Gemälden Schieles aus den Sammlungen des Belvedere
und des Leopold Museum aus restauratorischer Perspektive.

Stefanie Jahn, Leiterin der Abteilung Restaurierung der Österreichischen Galerie
Belvedere Wien, widmete ihren Vortrag der 2017 durchgeführten systematischen
Untersuchung von sechzehn in den Jahren 1907 bis 1918 entstandenen Gemälden aus
der Sammlung des Belvedere im Hinblick auf die Maltechnik von Egon Schiele.
Hierbei offenbarte sich, dass der Künstler allen Materialien eine nahezu
gleichwertige Bedeutsamkeit einräumte – erst im individuellen Zusammenspiel von
Bildträger, Grundierung, Kompositionslinien und Farben entwickelte er das
Dargestellte und gab seiner Arbeit charakteristische Züge.

Agathe Boruszczak, Restauratorin der Österreichische Galerie Belvedere Wien,
zeigte in ihrer Präsentation “Die Genese eines Farbenspiels: das Bildnis der
Frau des Künstlers, Edith Schiele” auf, wie mithilfe von
Bildbearbeitungsprogrammen auf digitalem Wege eine Annäherung an das
ursprüngliche Erscheinungsbild des Werks erstellt wurde, das 1918 von der
Österreichischen Staatsgalerie angekauft und offenbar auf Wunsch des damaligen
Direktors Franz Martin Haberditzl von Schiele überarbeitet wurde.

Sandra Maria Dzialek, Restauratorin des Leopold Museum Wien, beleuchtete anhand
des großformatigen Gemäldes Eremiten aus maltechnischer Perspektive die
Formfindung vor und während des Malprozesses. Lineare Gestaltungsmittel wie die
Unterzeichnung, Ritzungen der Malschicht, oder pastose Malschichtpartien gaben
Aufschluss über inhaltliche Aspekte und den Prozess der kontinuierlichen
Weiterentwicklung des Werks.

Link zu Fotos der Veranstaltung, © Leopold Museum, Wien/Foto: Nadine Bargad:

https://we.tl/t-Ujq3UkYygb

Am 3. Egon Schiele Symposium nahmen rund 210 Personen teil, darunter Denise
Kandel, Diethard Leopold, Kurator, Sammler, mit Waltraud Leopold, William Rees,
Professor University of British Columbia, mit Elisabeth Rees, Historiker,
Archäologe und Museumsleiter Helmut Swozilek, Christian Bauer, Landesgalerie
Niederösterreich, Franz Smola, Belvedere, Theresa Feilacher, Land NÖ, Gerbert
Frodl, Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor Österreichische Galerie Belvedere
mit Kunsthistorikerin Marianne Frodl, Andrea Fürst, Hundertwasser Stiftung,
Heidrun-Ulrike Wenzel, Egon Schiele Museum Tulln, Museum Niederösterreich,
Alexandra Sattler, Kunstmeile Krems, Kunst- und Zeithistorikerin Sophie Lillie,
Katharina Husslein, Beck & Eggeling International Fine Art, Alois Wienerroither,
Galerist, Künstlerin Bernadette Huber, Journalistin Hedwig Kainberger, Kuratorin
und Journalistin Alexandra Matzner u. a.

Kontakt:
Leopold Museum-Privatstiftung
Mag. Klaus Pokorny und Veronika Werkner, BA
Presse/Public Relations
0043 1 525 70 – 1507 bzw. 1541
presse@leopoldmuseum.org
www.leopoldmuseum.org

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Beitrag von auf 11. November 2019. Abgelegt unter Kunst & Kultur, Museen, Vermischtes. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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