„Effekte werden wir erst in Wochen sehen“ – Intensivmediziner aus der Anästhesie hoffen auf Wirkung des Lockdowns – Triage von Patienten unwahrscheinlich, Verlegungen eventuell notwendig

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Die Intensivmediziner unter den Anästhesisten rechnen vorläufig nicht mit einem Rückgang der Patientenzahlen auf den Intensivstationen. Professor Dr. Gernot Marx, Sprecher des „Arbeitskreises Intensivmedizin“ der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) und selbst Klinikdirektor in Aachen, sagt im Interview, zunächst werde es bei Spitzenwerten und Extrembelastung bleiben. Die DGAI vertritt tausende Intensivmediziner, die Covid-19-Patienten behandeln und beatmen …

Wie groß ist die Erleichterung über den jetzt angeordneten Lockdown?

Marx: Die Erleichterung bei mir und unseren Kollegen ist schon sehr groß! Wir begrüßen diese Beschlüsse sehr! Gut ist auch, dass nun bundesweit einheitliche Regeln gelten.

Wie schnell werden die Effekte auf den Intensivstationen spürbar sein?

Marx: Das wird noch eine ganze Zeit dauern. In den nächsten Tagen und wahrscheinlich auch Wochen werden wir erst mal einen weiteren Anstieg der Patientenzahlen auf den Intensivstationen haben, auf weit über 5000. Frühestens zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns werden wir eine Wirkung erkennen können. Die Entwicklungen sind insgesamt aber ungewiss.

Es war aber wichtig, dass der Lockdown noch vor Weihnachten kommt?

Marx: Ja, ganz bestimmt! Die Stationen, die Pflegekräfte und Ärzte, können einfach nicht mehr! Die weiteren Folgen der Pandemie ohne einen kompletten Lockdown hätten wir kaum verkraften können.

Ist der komplette Lockdown für Sie und Ihre Kollegen zu spät gekommen?

Marx: Ich würde sagen: Wir sollten den Blick jetzt nach vorne richten. Es war wichtig, dass die politisch Verantwortlichen uns Intensivmedizinern zugehört haben und unseren Empfehlungen gefolgt sind. Wir haben auch Verständnis dafür, dass die Regeln erst ab dem kommenden Mittwoch gelten, weil die Beschlüsse ja noch durch die Länderparlamente gehen und noch andere Vorbereitungen getroffen werden müssen.

Was erleben Sie in diesen Tagen auf Ihrer Intensivstation?

Marx: Ich sehe dort viele, wirklich schwerkranke Menschen, mit Lungenversagen oder auch mit Nierenversagen. Immer noch jüngere und ältere Patienten gemischt. Und auf der anderen Seite sehe ich immer noch sehr motivierte Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte. Auch damit deren letzte Reserven nicht aufgebraucht werden, ist der Lockdown bis Januar jetzt wichtig!

Wie ist die Situation mit den Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland zurzeit?

Marx: Wir haben jetzt jeden Tag neue Spitzenwerte. Das sind extreme Belastungen, die hoffentlich bald nachlassen. Denn das kann auf diesem Level nicht mehr endlos weitergehen, auch nicht mit dem zusätzlichen Personal, das wir in unserer Klinik zum Beispiel aus den Reihen der Medizinstudenten jetzt wieder einsetzen. Dazu ist aber auch zu sagen, dass die Belastungen regional durchaus noch unterschiedlich sind. Am stärksten betroffen sind die Krankenhäuser in Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, aber auch in Bayern. Und hier gibt es nicht nur organisatorische Probleme, sondern auch ernste finanzielle Sorgen, wie die Forderung aus Thüringen und Sachsen-Anhalt zeigt, dass die Freihaltepauschalen in den nächsten Tagen umgesetzt werden müssen.

Werden von dort auch schon Patienten in Kliniken in andere Regionen verlegt?

Marx: Sicherlich nicht im großen Maße. Im Einzelfall kann das erforderlich sein. Das könnte in den nächsten Tagen aber zunehmen. Dann haben wir aber auch Abläufe und Experten, mit denen wir solche Verlegungen immer schon mal gemacht haben.

Ist die Triage von Patienten auf den Intensivstationen ausgeschlossen?

Marx: Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit. Es ist davon auszugehen, dass wir die Pandemie unter diesen extremen Umständen überstehen werden. Aber möglicherweise werden wir noch die Reserve der rund zwölftausend Notbetten zur Versorgung der Intensivpatienten antasten müssen.

Wie blicken Sie und Ihre Kollegen jetzt auf Weihnachten und den Jahreswechsel?

Marx: Das werden diesmal natürlich völlig andere Festtage werden als in anderen Jahren. Wir haben zum Beispiel eine Intensivstation, die wir normalerweise zum Jahreswechsel schließen, die jetzt aber unbedingt aufbleiben muss. Es bleibt der Appell an die Menschen, auf alle Kontakte zu verzichten, die nicht existentiell wichtig sind! Covid-19 ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, auch für Menschen, die im Moment vielleicht nicht auf der Intensivstation landen!

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OTS: Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
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Beitrag von auf 14. Dezember 2020. Abgelegt unter Gesundheit. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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