Stabilität, Partnerschaft und Eingebundensein beeinflussen die Lebensqualität von Menschen mit bipolarer Störung

In Deutschland leben etwa zwei Millionen Menschen mit einer bipolaren Störung. „Bipolar zu sein heißt, starken Stimmungsschwankungen zu unterliegen“, sagt der Ergotherapeut Maximilian Brüstle, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) und verbildlicht, wie Menschen mit einer bipolaren Störung ihr Leben empfinden: „Es gleicht einem Ritt auf den Wellen. Nach dem Surfen auf dem Wellenkamm kommt der Absturz ins Wellental“. Ergotherapeut:innen unterstützen ihre Klient:innen – so nennen sie Patient:innen – dabei, mehr Stabilität in ihrem Alltag herbeizuführen, die depressiven Phasen in ihrer Wirkung abzupuffern und die positiven Seiten der Stimmungshochs so zu nutzen, wie es zu ihrem Charakter und ihrer individuellen Art passt.

Eine bipolare Störung tritt meist im Jugendlichen- oder frühen Erwachsenenalter auf. Allerdings suchen sich Betroffene selten sofort, wenn sie in ihrer ersten depressiven Phase sind, Hilfe. Oft konsultieren sie einen Arzt oder eine Ärztin erst Jahre später, wenn sie feststellen: Es wiederholt sich. Auf eine depressive Phase folgt, meist nach einer ruhigeren Zeit, eine Phase, in der sie energiegeladen, sehr positiv gestimmt, höchst kreativ und enorm leistungsfähig sind. Sie stellen fest: Die depressiven Phasen kommen immer wieder und das nächste Hoch – die manische oder hypomanische Phase – ist ebenfalls zeitlich begrenzt. Die Abstände zwischen den im Wechsel auftretenden Phasen können sehr unterschiedlich sein, es wird häufig von vier Phasen im Jahr gesprochen; jedoch gibt es auch kürzere Abstände, rapid cycling genannt. Ähnlich wie bei anderen Erkrankungen oder Störungen realisieren Jugendliche oder junge Menschen, die bipolar sind – ebenso wie deren Eltern oder das Umfeld – nicht unbedingt, dass etwas „nicht stimmt“; manche wollen es auch nicht wahrhaben. Ebenso kommt es vor, dass Betroffene sich scheuen, überhaupt mit einer anderen Person oder mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber zu reden, wie es ihnen wirklich geht. Mitunter fühlen sie sich nicht berechtigt, Hilfe zu beanspruchen, da es auch die „guten“ Phasen beziehungsweise die Zeiträume zwischen den Hochs und den Tiefs gibt.

Ergotherapeut:innen kümmern sich um Stabilität bei Bipolarität
Eine ärztliche Untersuchung bringt im besten Fall Klarheit und – lautet die Diagnose „bipolare Störung“ – in der Folge multiprofessionelle Unterstützung. Auf psychologischer Ebene kümmern sich Psychiater:innen, Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen um Menschen mit einer bipolaren Störung, während Ergotherapeut:innen sie parallel oder im Vorfeld auf der praktischen Ebene, dem Alltag, begleiten. Eine ergotherapeutische Intervention kann unter anderem für eine bessere Ausgewogenheit der Aktivitäten sorgen, was bewirkt, dass der Alltag leichter gelingt und gleichzeitig die Phasen der bipolaren Störung weniger extrem ausfallen. „Die manischen oder hypomanischen Phasen können für Menschen mit einer bipolaren Störung zwar auf eine andere Weise, aber trotzdem genauso schwierig und belastend sein wie die depressiven Phasen“, verdeutlicht der Ergotherapeut Maximilian Brüstle, dass ein „Hoch“ nicht mit „gut“ gleichzusetzen ist. Die Nachteile eines „Höhenflugs“ in der manischen oder hypomanischen Phase sind, dass die Betroffenen dann oft so energiegeladen sind, dass sie mit sehr wenig Schlaf auskommen und – weil sie sich als äußerst überlegen wahrnehmen – bedenkenlos große Risiken eingehen. Das kann zu extremem Verhalten führen, etwa bei sportlichen oder sonstigen Freizeitaktivitäten und auch bei Dingen wie finanziellen Investitionen und Ähnlichem. Die möglichen Folgen sind zu erahnen. Körperlich ausgelaugt, mental belastet, vielleicht mit einem überzogenen Konto oder Schlimmerem in die nächste depressive Phase zu kommen, kann einen heftigeren Verlauf bewirken. Ein übergeordnetes Ziel in der Ergotherapie ist daher häufig „mehr Stabilität“, etwa durch die zuvor beschriebene ausgewogene Aktivitäts- und Betätigungsbalance.

Ziel einer ergotherapeutischen Intervention bei Bipolarität: Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit
Das setzt einen sehr genauen Blick in den Alltag von Menschen mit bipolarer Störung voraus. Ein probates Hilfsmittel, um die Aktivitäten des Alltags zu dokumentieren und anschließend analysieren zu können, sind Tagesprotokolle, die es in unterschiedlichen Formaten und Varianten gibt. In diesen Protokollen oder „Journals“ notieren Menschen mit einer bipolaren Störung ihr Verhalten im Alltag über einen längeren Zeitraum hinweg und in den verschiedenen Phasen. Die anschließende gemeinsame Auswertung mit ihrem Ergotherapeuten oder ihrer Ergotherapeutin schafft Bewusstsein bei den Betroffenen: Sie erhalten einen Überblick, welche Aktivitäten in ihrem Alltag tatsächlich vorkommen und wie viel Zeit sie beanspruchen. Bei vielen deckt sich die eigene Wahrnehmung nicht unbedingt mit dem, was in Wirklichkeit stattfindet. Das trifft zwar generell auf viele Menschen zu, ist aber gerade für bipolare Menschen essenziell. Ergotherapeut:innen können ihnen mit dieser Auswertung besser und nachweislich vermitteln, dass sie sich in manischen oder hypomanischen Phasen beispielsweise bewusst mehr Schlaf und Betätigungen, die der Erholung dienen, gönnen dürfen und müssen. Mehr Ausgewogenheit kann den Verlauf der anschließenden depressiven Phase positiv beeinflussen. Betroffene nehmen sich durch eine solche Herangehensweise als handlungsfähig wahr: Sie sehen, dass sie imstande sind, bewusst über ihr Verhalten zu entscheiden und den Verlauf der jeweiligen Phase besser zu beherrschen. Sobald sie wegen ihres veränderten Verhaltens erleben, dass selbst depressive Phasen weniger schwer verlaufen, erfahren sie Selbstwirksamkeit. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine anhaltende Verhaltensänderung und wichtig, um „Rückfälle“ zu minimieren. „Bipolare Menschen fühlen sich dank einer verbesserten Selbstwirksamkeit nicht so sehr dem „Wellengang“ ihrer Störung ausgeliefert; sie haben es in der Hand, den Verlauf der Phasen selbst zu steuern“, fasst der Ergotherapeut Brüstle nochmals zusammen.

Selbstversorgungsprogramm: Ergotherapeut:innen sorgen für ein stabiles Energieniveau bei Menschen mit bipolarer Störung
Menschen, die sich in einer depressiven Phase befinden, sind antriebslos, auch in Hinblick auf die Selbstversorgung wie etwa die Ernährung. Essen ist jedoch etwas Grundlegendes, etwas Existenzielles, damit die ohnehin mangelnde Energie nicht noch weiter schrumpft. Um eine solche Unterversorgung möglichst zu vermeiden, üben Ergotherapeut:innen mit ihren Klient:innen diesen Aspekt der Selbstversorgung. Sie suchen beispielsweise gemeinsam einfache Rezepte, die dem- oder derjenigen schmecken und die schnell und leicht zuzubereiten sind. Und auch den Vorgang „Essen zubereiten“ üben sie gegebenenfalls in einer manischen/ hypomanischen beziehungsweise Zwischenphase. Gleiches gilt für den Umgang mit Anforderungen bei der Arbeit. „Es ist wichtig – und zwar in jeder Phase – seine Bedürfnisse auch im beruflichen Kontext einzufordern“, erklärt der Ergotherapeut. Oft wünschen sich Menschen mit einer bipolaren Störung bei der Arbeit die Möglichkeit, ungestört konzentriert zu arbeiten oder einen Rückzugsort und geschützten Raum, wo sie sich kurz sammeln können. Es gehört zu den Aufgaben von Ergotherapeut:innen ihre Klient:innen hierbei zu unterstützten. Entweder, indem sie im Vorfeld entsprechende Gespräche gemeinsam üben und eventuell durch Rollenspiele optimieren. Oder sie kommen – wenn dies so gewünscht wird oder der erfolgversprechendere Weg ist – mit ins Unternehmen und stehen der Person mit bipolarer Störung dort persönlich zur Seite. Über die Diagnose erfahren weder der Arbeitgeber noch die Kolleg:innen etwas; Ergotherapeut:innen bereiten gemeinsam mit Betroffenen eine passende Argumentation vor.

Ergotherapeut:innen binden Partner:in und soziales Umfeld ein, plädieren für „Normalität“
Brüstle äußert sich begeistert von den Möglichkeiten, über die Ergotherapeut:innen verfügen: „Das Schöne an der Ergotherapie ist, dass es so viele Werkzeuge und Optionen gibt und alle Sichtweisen sein dürfen – immer mit dem Ziel, das Bestmögliche für die Klient:innen zu erreichen“. Mit dieser Haltung unterstützen Ergotherapeut:innen Menschen mit einer bipolaren Störung bei all ihren Wünschen und Bedürfnissen. Es gibt keinen Grund weshalb Menschen mit einer bipolaren Störung auf das, was für andere „normal“ ist, verzichten sollten. Weder im beruflichen, noch im privaten Kontext. „Selbstverständlich darf, wer bipolar ist, Karriere machen, Partner:in sein, Kinder haben – eben das, was für sie oder ihn eine Bedeutung hat“, bestätigt Brüstle. Ergotherapeut:innen sprechen mit ihren Klient:innen darüber, wie sie die Kommunikation mit ihrem Umfeld gestalten können. Ebenso trainieren sie mit dem Umfeld, den Menschen mit einer bipolaren Störung liebevoll auf wichtige Wahrnehmungen von außen hinzuweisen, ohne bevormundend oder übergriffig zu sein. „Es ist sogar ausgesprochen hilfreich und wichtig, wenn der Partner, die Partnerin oder andere Menschen aus dem direkten Umfeld gut beobachten und den Betroffenen ihren Eindruck mitteilen“, unterstreicht der Ergotherapeut die Bedeutung dieses Vorgehens. Er schlägt vor, beispielsweise auf gesteigerten Redefluss als Vorboten einer manischen oder hypomanischen Phase sowie auf ein absinkendes Energielevel und verstärkte Müdigkeit, die eine depressive Phase ankündigen, zu achten. Wer seinem Partner, seiner Partnerin, Freund:in, Tochter oder Sohn liebevoll und respektvoll sagt: „Ich habe das Gefühl, da könnte was kommen, sollen wir schon mal gemeinsam den Kühlschrank füllen“ oder was immer nötig ist, um die kommende Phase möglichst gut zu überstehen, tut dem- oder derjenigen mit einer bipolaren Störung einen großen Gefallen: gemeinsam aufgebaute Schutzmechanismen können greifen. Kurzum: Eltern, Partner:in, Freund:innen sind enorm wichtig – auch, um unterm Strich den Krankheitsverlauf einzudämmen.

Informationsmaterial zu den vielfältigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in Wohnortnähe auf der Homepage des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche. Zum Podcast gerne hier entlang: https://dve-podcast.podigee.io/. Außerdem: https://www.instagram.com/dve_ergotherapie/ und Deutscher Verband Ergotherapie e.V. – DVE | Facebook