Vor der Rückkehr ins Leben / Kommentar von Klaus Hillenbrand zu den sinkenden Coronazahlen

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Nach geschlagenen vierzehn Monaten der Einschränkungen, des Abwartens, der Verbote und – ja, auch das – der Angst, einer manchmal nagenden Angst, scheint es unvorstellbar, dass es in absehbarer Zeit eine Rückkehr zu Verhältnissen geben könnte, die landläufig als normal bezeichnet werden. Manche haben schon fast vergessen, wie das war, dieses Leben unter Freunden mit Kino und Restaurant, mit Reisen, auf dem Bolzplatz und beim Konzert, mit Kindern, die tatsächlich in Schulen unterrichtet werden, und Studierenden, die auf einem Campus lernen.

Aber tatsächlich ist es so, dass die Wiederkehr dieses prallen Lebens endlich näher rückt. Die Inzidenz bewegt sich deutlich nach unten. Auch die Zahl der Hospitalisierten sinkt. Noch immer sterben erschreckend viele Menschen an Covid-19, aber auch ihre Anzahl ist rückläufig.

Die Bundesnotbremse mit ihren Ausgangsbeschränkungen verliert damit zunehmend an Bedeutung, denn sie wird erst bei einer hohen Zahl an Infizierten wirksam. Sinkt dieser Wert wie erwartet weiter ab, dann beginnt ein Wettlauf im Land: Wer darf zuerst öffnen? Die ersten Bundesländer haben angekündigt, Gastronomie- und Hotelbetriebe wieder dort zuzulassen, wo das möglich erscheint. Die Impfkampagne hat gehörig an Tempo gewonnen und drückt die Zahlen. Noch ist die Zahl der vollständig Geimpften gering. Aber mit jedem Piks wird auch die Bedeutung der Schnelltests zurückgehen – außer für diejenigen, die Solidarität verweigern und sich nicht impfen lassen wollen.

Und dann? Nein, das Leben wird nicht zur alten Normalität zurückkehren. Denn im September wird das Virus nicht verschwunden sein und auch nicht im nächsten Jahr, vielleicht auch noch nicht im übernächsten. Die Gefahr einer die Immunisierung ignorierenden Mutation bleibt bestehen. Die Gesellschaft wird sich an neue Maßstäbe gewöhnen müssen wie regelmäßiges Nachimpfen, Hygiene und Masketragen. Das Leben kehrt zurück – aber doch anders als gewohnt.

Wenige Wochen werden darüber entscheiden, wann es so weit sein wird. Wer jetzt zu schlampen beginnt und meint, die Angelegenheit habe sich erledigt, verbaut vielleicht nicht nur sich selbst, sondern auch vielen anderen den nächsten Sommerurlaub. Wer als Politiker jetzt meint, im Sinne von Handel und Wandel bei einer Inzidenz von 99,9 alle Tore auf einmal öffnen zu können, riskiert nicht nur seine eigene Abwahl, sondern weitere Todesopfer und Schwerstkranke.

Aber wenn sich ein Mindestmaß an Vernunft durchsetzt, dann, ja dann schreibe ich im Juli im Biergarten einen Jubelkommentar.

Pressekontakt:

taz – die tageszeitung
Susanne Knaul
Telefon: +49 30 25902 255
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Beitrag von auf 5. Mai 2021. Abgelegt unter Kunst & Kultur. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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