Veraltete Leitlinien, reale Folgen: Überholte Ernährungsempfehlungen zu Fett, Ei und Gluten und ihre Konsequenzen für Gesundheit und Gesundheitssystem

Ernährungsmythen entstehen nicht nur in sozialen

Netzwerken. Viele der hartnäckigsten Fehlinformationen über gesunde Ernährung

stammen aus einer weitaus weniger verdächtigen Quelle: aus offiziellen

Leitlinien, Broschüren gesetzlicher Krankenkassen und europäischen

Kennzeichnungsvorschriften. Anlässlich des World Digestive Health Day

nehmen das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) und der Ernährungs-

und Gesundheitswissenschaftler PhDr. Sven-David Müller drei solche

institutionalisierten Fehlinformationen unter die Lupe und zeigen, was aktuelle

Forschung stattdessen sagt. Denn veraltete Empfehlungen haben reale

Konsequenzen: Fehlinformationen aus offiziellen Quellen beeinflussen täglich

Ernährungsentscheidungen von Millionen Menschen, tragen zur Entstehung

vermeidbarer chronischer Erkrankungen bei und führen letztlich zu erhöhten

Kosten für das Gesundheitssystem.

„Gesundheitsempfehlungen, die von offiziellen Stellen

ausgehen, sind nicht automatisch evidenzbasiert. Beim Fett, beim Cholesterin,

beim Ei und beim Gluten zeigt die aktuelle Wissenschaft: Die institutionelle

Kommunikation hat die Evidenz aus den Augen verloren“, sagt Felix

Große-Plankermann, Geschäftsführer des FEBPH. Öffentliche Institutionen tragen

hier eine besondere Verantwortung. Leitlinien und Empfehlungen, die nicht mit

dem aktuellen Forschungsstand Schritt halten, können das Vertrauen der

Bevölkerung in die Gesundheitskommunikation nachhaltig beschädigen.

Die Low-Fat-Lüge: Wie eine jahrzehntelange

Leitlinienempfehlung Fettleber und Diabetes mellitus Typ 2 befördert hatSeit den 1970er-Jahren lautet eine der zentralen

Botschaften in Ernährungsleitlinien, Krankenkassenbroschüren und staatlichen

Gesundheitskampagnen: Fett reduzieren, Herzerkrankungen vermeiden. Die Deutsche

Gesellschaft für Ernährung (DGE), die WHO und zahlreiche Krankenkassen

empfehlen bis heute, die Fettaufnahme auf maximal 35 Prozent der Tagesenergie

zu begrenzen, gesättigte Fettsäuren auf höchstens 10 Prozent[1].

Krankenkassen kommunizieren ergänzend, bei erhöhten Cholesterinwerten die Fett-

und Cholesterinzufuhr generell zu senken.Was diese Botschaft außer Acht lässt: Die DGE stellte in

ihrer eigenen Leitlinie bereits 2015 fest, dass kein gesicherter Zusammenhang

zwischen der Menge an Gesamtfett und dem Risiko für koronare Herzkrankheit

besteht[2]. Entscheidend ist nicht die Fettmenge, sondern die Qualität der Fettsäuren

und vor allem, womit Fett im Alltag ersetzt wird. Mehrfach ungesättigte

Fettsäuren senken das Herzrisiko tatsächlich. Raffinierte Kohlenhydrate

hingegen, auf die viele Menschen beim Weglassen von Fett instinktiv ausweichen,

erhöhen das Fettleber und Diabetes mellitus (Typ 2) -Risiko[3].

Harvard-Forscher bezeichneten vier Jahrzehnte

Low-Fat-Politik rückblickend als „gescheitertes Experiment“[4].

Die Konsequenzen sind messbar: steigende Raten von Übergewicht und Adipositas,

Typ-2-Diabetes mellitus und nicht-alkoholischer Fettleber[5].

„Eine fettreiche Ernährung kann sehr gesund sein, wenn die richtigen Fette

gewählt werden“, sagt PhDr. Sven-David Müller, ernährungsmedizinischer

Wissenschaftler. „Was uns die Low-Fat-Welle hinterlassen hat, ist eine

Generation, die Fett fürchtet und stattdessen Zucker und Weißmehl konsumiert.

Die Konsequenzen für Leber und Stoffwechsel sehen wir täglich in der Praxis.“

Ein Ei pro Woche: Eine Klimaempfehlung, die als

Herzwarnung verstanden wirdIm März 2024 aktualisierte die DGE ihre

Ernährungsempfehlungen und senkte die empfohlene Eierverzehrmenge auf ein Ei

pro Woche. In Gesundheitsportalen, Patientenmedien und

Krankenkassen-Publikationen wurde die Empfehlung umgehend auch als

kardiovaskuläre Warnung weitertransportiert. Was dabei kaum kommuniziert wurde:

Die DGE begründete die Revision ausdrücklich mit ökologischen und

Nachhaltigkeitserwägungen, nicht mit neuen medizinischen Erkenntnissen[6]. Zur

gesundheitlichen Wirkung von Eiern räumte die DGE selbst ein, dass die

Studienlage „weder eindeutig negativ noch eindeutig positiv“ sei. Studien

zeigen, dass maximal ein Ei täglich das Herzinfarktrisiko nicht erhöht oder

sogar reduzieren kann[7], fasst Sven-David Müller aktuelle Studien zusammen.

Die aktuelle Wissenschaft zeichnet ein klares Bild. Der

PROSPERITY Trial, eine der bislang umfangreichsten klinischen Untersuchungen

zum Thema Ei und Herzgesundheit, präsentiert beim American College of

Cardiology 2024, untersuchte den Verzehr von bis zu zwölf Eiern pro Woche über

mehrere Monate und fand keine signifikanten negativen Auswirkungen auf das

Lipidprofil. In der Subgruppe älterer Teilnehmer und Diabetiker zeigten sich

sogar Tendenzen zur Verbesserung der Blutfettwerte[8].

Eine 2025 im Fachjournal PubMed publizierte Studie kommt zu einem weiteren

wichtigen Befund: Nicht das Nahrungscholesterin aus Eiern erhöht den

LDL-Spiegel, sondern gesättigte Fettsäuren. Zwei Eier täglich als Teil einer

Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, können schädliche LDL sogar

senken[9].“Es ist heute Stand der Wissenschaft, dass Hühnereier bei

praktisch allen Menschen kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko erzeugen,

einschließlich vieler Risikopatienten wie Diabetiker“, sagt Sven-David Müller.

„Dass eine Nachhaltigkeitsempfehlung in der Öffentlichkeit als

Herzschutz-Maßnahme ankommt, ist ein Musterbeispiel dafür, wie institutionelle

Kommunikation Fehlinformationen produziert, ohne es zu beabsichtigen.“

Glutenfrei ohne Grund: Wie EU-Verordnungen eine Diät ohne

Nutzen salonfähig machenGlutenfreie Lebensmittel sind ein weltweiter Wachstumsmarkt.

In Deutschland und ganz Europa dürfen Produkte offiziell als „glutenfrei“

gekennzeichnet werden, geregelt durch die EU-Verordnung Nr. 828/2014[10].

Gleichzeitig schließt die EU Health Claims Regulation (EG) Nr. 1924/2006

keine negativen Gesundheitsaussagen über Gluten für Gesunde ein, sodass

Glutenfreiheit als implizit wünschenswertes Merkmal im Markt verbleibt[11].

Die Kennzeichnung richtet sich an niemanden im Besonderen: Eine medizinische

Indikation beim Käufer ist nicht erforderlich.

Das Ergebnis: Glutenfreiheit hat sich als implizites

Gesundheitsmerkmal etabliert[12], befeuert durch Influencer, Produktkennzeichnungen und Gesundheitsmedien, die nicht klar zwischen Zielgruppen differenzieren. Die Datenlage ist dabei

eindeutig. Für Menschen ohne Zöliakie, Weizenallergie oder nachgewiesene

Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität gibt es keine Evidenz für einen

gesundheitlichen Nutzen einer glutenfreien Ernährung[13].

Eine Studie mit über 100.000 Teilnehmern, publiziert im

British Medical Journal, fand keinen Zusammenhang zwischen Glutenverzehr und

dem Risiko für koronare Herzkrankheit bei Gesunden[14].

Im Gegenteil: Glutenfreie Produkte weisen häufig Defizite bei Ballaststoffen,

Folsäure, Eisen, Zink, Magnesium und Kalzium auf[15].

Einzelne Untersuchungen verweisen zudem auf erhöhte Schwermetallspiegel bei

Menschen, die ohne medizinische Notwendigkeit dauerhaft glutenfrei essen. Natürlich

führt eine glutenfreie Ernährung auch nicht zur Gewichtsreduktion und kann

sogar das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 steigern[16].Sven-David Müller, der selbst an Zöliakie erkrankt ist,

betont die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung: „Für Menschen mit Zöliakie

ist eine glutenfreie Ernährung lebensnotwendig. Für alle anderen ist sie in der

Regel weder nötig oder sinnvoll noch frei von Risiken. Dass diese

Unterscheidung in der öffentlichen Kommunikation verloren gegangen ist, hat

reale Folgen für die Nährstoffversorgung und das Krankheitsrisiko der

Bevölkerung.“

Fett, Cholesterin, Ei und Gluten stehen exemplarisch für

ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitskommunikation:

Empfehlungen, die einmal in Leitlinien, Krankenkassenbroschüren und

Kennzeichnungsvorschriften verankert wurden, werden weitergetragen, auch wenn

die Wissenschaft längst differenziertere Erkenntnisse liefert. Die Folgen sind

messbar – in steigenden Raten chronischer Erkrankungen, Übergewicht und

Adipositas sowie in wachsendem Misstrauen gegenüber institutionellen

Gesundheitsbotschaften. Das FEBPH und PhDr. Sven-David Müller sehen den World

Digestive Health Day als Anlass, diesen Prozess sichtbar zu machen und eine

konsequentere Aktualisierung offizieller Empfehlungen einzufordern.Über das Forum for Evidence-Based Preventative

Health (FEBPH)Das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH)

gGmbH ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Berlin. Es positioniert

sich als Verbindungsglied zwischen Wissenschaft, Medien und Gesundheitspolitik

und hat sich der evidenzbasierten Aufklärung über Prävention und öffentliche

Gesundheitskommunikation verschrieben. Das FEBPH wurde von Prof. Dr. Frank-Ulrich

Fricke und Felix Große-Plankermann gegründet. Hier erfahren Sie mehr: evidence-based-health.org.

Über Sven-David MüllerSven-David Müller (56) aus Salzgitter ist im Alter von

sechs Jahren an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt und diese chronische Krankheit

prägte seinen Weg in die Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische

Wissenschaft. Für seine gemeinnützige Arbeit im Ernährungsbereich wurde er

unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz oder dem Ehrenkreuz für Kunst und

Wissenschaft der Albert Schweitzer Gesellschaft ausgezeichnet. Nach der

Ausbildung zum Diätassistenten und der Weiterbildung zum Diabetesberater DDG studierte

er angewandte Ernährungswissenschaft und Public Health. Er ist Master of

Science und PhDr. An der Donau Universität Krems, der Fresenius Hochschule, der

SRH Hochschule und der Karl Landsteiner Universität Krems hält er regelmäßig

Vorlesung. Aus seiner Feder stammen mehr als 200 Publikationen. Sven-David

Müller wurde zum Ehrenmitglied des Österreichischen Akademischen Instituts für

Ernährungsmedizin ernannt.

[1] DGE-Referenzwerte:

„D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Fett“: Die DGE empfiehlt

eine Gesamtfettzufuhr von 30% der Energiezufuhr für Erwachsene.; https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/fett/; WHO Factsheet: „Healthy

diet“ (2020, aktualisiert 2023) – empfiehlt Fettaufnahme unter 30% der

Gesamtenergiezufuhr, gesättigte Fettsäuren unter 10%.; https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/healthy-diet

[2] DGE-Leitlinie Fett 2015, Kapitel

9: „Fettzufuhr und Prävention der koronaren Herzkrankheit“; https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/09-koronare-Herzkrankheit-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf

[3] DGE-Leitlinie Fett 2015, Volltext

(Zusammenfassung der Ergebnisse, S. 12); https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/12-Zusammenfassung-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf

[4] Harvard T.H. Chan School of Public Health

(2016): „Forty Years of Low-Fat Diets: A Failed Experiment“; https://hsph.harvard.edu/news/low-fat-diets-failed-experiment/

[5] Tufts Health & Nutrition Letter: „Why

the Low-Fat Diet Failed“; https://www.nutritionletter.tufts.edu/healthy-eating/why-the-low-fat-diet-failed/

[6] Natürlich Medizin / Thieme: „Wie

viele Eier sind gesund?“ (2025, Auswertung der DGE-Begründung); https://natuerlich.thieme.de/aktuelles/nachrichten/detail/wie-viele-eier-sind-gesund-4189

[7] Drouin-Chartier, J. P., et al. (2020). Egg consumption and risk of

cardiovascular disease: three large prospective US cohort studies, systematic

review, and updated meta-analysis. The BMJ.; Krittanawong, C., et al. (2020).

Association Between Egg Consumption and Risk of Cardiovascular Disease: A

Meta-Analysis. The American Journal of Medicine.; Dehghan, M., et al. (2020).

Association of egg intake with blood lipids, cardiovascular disease, and

mortality in 177,000 individuals in 30 countries. AJCN.

[8] Nouhravesh et al. (2025): „Effects of

fortified eggs and time-restricted eating on cardiometabolic health: The

PROSPERITY Trial.“ American Heart Journal, 279:27-39.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39414223/; Ergänzend: ACC-Pressemitteilung (2024):

https://www.acc.org/about-acc/press-releases/2024/03/28/11/43/eggs-may-not-be-bad-for-your-heart-after-all

[9] PubMed 2025: „Impact of dietary cholesterol

from eggs and saturated fat on…“; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40339906/

[10] Europäische Kommission, DG SANTE:

„Gluten-free food“

Offizielle

Seite mit Verweis auf die Verordnung und deren Anwendungsbereich.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/specific-groups/gluten-free-food_en

[11] Europäische Kommission, DG SANTE:

„Nutrition and Health Claims“

Offizielle

Seite mit Erläuterung des Regelungsrahmens.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/nutrition-and-health-claims_en

[12] Splendid Research / Deutschland

(2020): Laut der Studie haben 94 Prozent der Personen mit nachgewiesener

Zöliakie oder Glutensensitivität bereits glutenfreie Ersatzprodukte gekauft –

aber auch 86 Prozent der Personen ohne entsprechende Diagnose.; https://www.splendid-research.com/de/statistik/studie-glutenfreie-ersatzprodukte-2020/

[13] Lebwohl et al. (2017): „Long term gluten

consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart

disease.“ BMJ

357:j1892.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/

[14] Lebwohl et al. (2017), BMJ

357:j1892; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/; Präzisierung: Die Studie

umfasste 64.714 Frauen (Nurses- Health Study) und 45.303 Männer (Health

Professionals Follow-up Study), insgesamt rund 110.000 Teilnehmer über 26

Jahre.

[15] Penagini et al. (2013) / Vici et al.

(2016): „Gluten free diet and nutrient deficiencies: A review.“ Clinical Nutrition.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27211234/

[16] Lebwohl, B., et al. (2017). Long term gluten consumption in

adults without celiac disease and risk of coronary heart disease: prospective

cohort study. The BMJ