Deutschland rauchfrei 2030 – wir schaffen das! Nur wie? Wissenschaftliches Symposium liefert Antworten für den Weg in eine rauchfreie Zukunft

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– Rauchen ist weiterhin das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland
– Durch Festhalten am „quit or die“- Ansatz der Bundesregierung kann Deutschland nicht zu einem rauchfreien Land werden
– Eine Diversifizierungsstrategie ist notwendig: Die Vorteile, die Alternativprodukte wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel gegenüber herkömmlichen Ersatzprodukten wie z.B. Kaugummis oder Pflaster in der Rauchentwöhnung bieten, müssen genutzt werden

Frankfurt a.M. (ots) – Heute Vormittag fand online das Symposium Deutschland rauchfrei 2030 – wir schaffen das! Nur wie? statt. Suchtforscher*innen, Verbraucheraktivist*innen, Journalist*innen und Finanzwissenschaftler*innen diskutierten über ein ambitioniertes gemeinsames Ziel: Wie schaffen wir es, bereits im Jahr 2030 ein rauchfreies Land zu sein?

Rauchen ist weiterhin das größte vermeidbare Risiko und in Deutschland raucht immer noch rund ein Viertel der Bevölkerung. Jährlich sterben 127.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der derzeitige gesundheitspolitische „quit or die“- Ansatz gescheitert. Ignoriert werden aber weiterhin die zentralen Erkenntnisse aus der Suchtforschung, nach denen es Raucher*innen deutlich leichter fällt, einen Zwischenschritt vor der kompletten Abstinenz zu gehen.

Die hochkarätigen Referent*innen zeigten auf der Veranstaltung vielversprechende alternative Lösungsansätze, die es zur aktuellen Suchtpolitik gibt und wie grundsätzlich der Pfad in ein rauchfreies Deutschland im Jahr 2030 aussehen kann:

Für Prof. Dr. Heino Stöver führt dieser nur über eine evidenzbasierte Politik und Praxis. Er kritisierte die derzeitige Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung scharf. Die aktuelle deutsche Haltung gegenüber E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Nikotinbeuteln ignoriere wissenschaftliche Evidenzen konsequent. Raucher*innen falle es deutlich leichter, ihre Sucht zu besiegen, wenn sie risikoreduzierte Produkte in der Entwöhnung nutzen würden. Eine Diversifizierung von Rauchalternativen sei dabei zentral. Leider würde auch hier mit der geplanten Tabaksteuer auf E-Zigaretten, die vorsieht, Liquids immens zu verteuern, gegengesteuert.

Prof. Dr. Berthold U. Wigger, Professor für Finanzwissenschaft und Public Management in Karlsruhe, erläuterte die Hintergründe und negativen Auswirkungen des geplanten Tabaksteuermodernisierungsgesetzes auf das Konsumverhalten der Raucher*innen und zeigte Alternativen auf: „Sowohl die Regulierung als auch die Besteuerung von herkömmlichen Rauchwaren und alternativen Dampfprodukten wie E-Zigaretten sollte deshalb dem Ziel folgen, den Konsumenten Anreize zu geben, von den schädlichsten zu den am wenigsten schädlichen Produkten zu wechseln. Leider werden die unterschiedlichen Gesundheitsfolgen der verschiedenen Produkte in der Besteuerung ignoriert.“

Prof. Dr. Karl Fagerström, Psychologe und Erfinder des gleichnamigen Tests zur Zigarettenabhängigkeit, betonte, dass die Raucherquote in Schweden bei unter 5% läge. Das Land sei also ein hervorragendes Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung des Harm Reduction-Ansatzes. Würde man diesen auch in Deutschland umsetzen, könnte die Zahl der frühzeitigen Tode um mind. 44.000 verringert werden. Die Europäische Kommission solle das relative Schadenspotenzial bei der Regulierung berücksichtigen. Ansonsten verursache man mehr Leid als notwendig.

Dietmar Jazbinsek, freier Wissenschaftsjournalist, betonte, dass derzeit in der Debatte viele Experten aber wenig Expertise zu finden sei. Als Beispiele nannte er u.a. die S3-Leitlinie und die aktuelle Initiative „Rauchfrei 2040“. Er sehe eine Tendenz, Raucher als krank zu definieren, die medikamentös behandelt werden müssten. Dies widerspräche dem Fakt, dass die meisten Raucher entweder selbstinitiiert aufhören oder auf E-Zigaretten wechseln.

Dr. Nicola Lindson, Mit-Autorin des Cochrane Reviews von der Universität Oxford, befasste sich mit aktuellen Evidenzen beim Thema E-Zigaretten: „Wir haben klare Evidenzen dafür, dass E-Zigaretten beim Rauchausstieg helfen. Deutlich mehr Menschen schaffen es mit Hilfe der E-Zigarette aufzuhören als durch andere Nikotinersatztherapien. Auch beim Vergleich zwischen einem Rauchstopp durch E-Zigaretten und einer Verhaltenstherapie, sprechen die Daten klar dafür, dass mit Hilfe der E-Zigarette die Erfolgsrate deutlich höher ist.“

Leon Nussbaumer, Verbraucheraktivist, hat bereits einen kompletten Rauchausstieg mit Hilfe von Nikotinpouches hinter sich und erklärte: „Weil weder eine Verbrennung noch eine Inhalation stattfindet, sind Nikotinpouches eine große Chance für die Schadensminimierung für Raucher. Damit Pouches eine langfristige Alternative bleiben können, müssen aber klare gesetzliche Regelungen gefunden werden. Ich fordere daher ein klares Rahmenwerk und damit eine Beendigung der Verunsicherung für die Verbraucher. So würde endlich auch dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung genüge getan.“

Die Veranstalter werteten das Symposium insgesamt als Erfolg: „Es ist deutlich geworden, dass wir durch ein Festhalten am „quit or die“ der Bundesregierung nicht zu einem rauchfreien Land werden können. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass die größte Chance zur landesweiten Rauchentwöhnung in einer umfassenden Implementierung des Harm-Reduction-Ansatzes liegt. Die Regulierung muss deshalb wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen und den Verbraucher*innen die sofortige Risikoreduzierung durch alternative Produkte wie Tabakerhitzer, E-Zigaretten und Nikotinbeutel ermöglichen, statt sie zu erschweren“, erklärte Veranstalter Prof. Dr. Heino Stöver.

Das ISFF vermittelt Interviewanfragen gerne an die Referent*innen.

Videomittschnitte des Symposiums werden in Kürze auf dem Youtube-Kanal von Prof. Dr. Stöver verfügbar sein. Sie finden diesen unter folgendem Link. (https://www.youtube.com/channel/UC-Kcgvz8dNU7cTrxP0Mhqqw)

Zum ISFF

Das Institut für Suchtforschung (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences wurde 1997 ins Leben gerufen von Prof. Dr. Volker Happel, Prof. Dr. Dieter Henkel und Prof. Dr. Irmgard Vogt. Es sieht seine Aufgabe darin, Sucht in ihren verschiedenen Erscheinungsformen sowie die mit Sucht in Zusammenhang stehenden Probleme und Aspekte zu erforschen. Das Institut fördert den Ausbau von interdisziplinären Beziehungen zu Kooperationspartnern auf regionaler, nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Forschungsprozesse und -resultate sollen in Lehre und Studium Berücksichtigung finden und nutzbar gemacht werden.

Seit dem Sommersemester 2009 ist Prof. Dr. Heino Stöver Professor (https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-4-soziale-arbeit-gesundheit/kontakt/professor-innen/heino-stover/) an der Frankfurt UAS (ehemals FH FFM), Fachbereich 4 – Soziale Arbeit und Gesundheit (Schwerpunkt Sozialwissenschaftliche Suchtforschung) und seit 1. September 2009 geschäftsführender Direktor des ISFF.

Pressekontakt:

Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit
Prof. Dr. Heino Stöver
Telefon: +49 69 1533-2823 und mobil: +49 162 133 45 33
E-Mail: heino.stoever@fb4.fra-uas.de
Twitter: @HeinoStoever

Original-Content von: Prof. Dr. Heino Stöver – Sozialwissenschaftliche Suchtforschung, übermittelt durch news aktuell

Beitrag von auf 2. Juni 2021. Abgelegt unter Gesundheit. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Nachricht hinterlassen oder Trackback

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